Kurzgeschichten für Jung und Alt

Ihr werdet sie lieben

Willkommen auf der Seite, wo Hexen Fehler machen, Bären Abenteuer erzählen, Katzen sprechen,
und Helden einfach nur versuchen, ihren Kaffee zu trinken!

Hier findest du Geschichten für zwischendurch. Sie sollen dir die Zeit, bis meine Bücher erscheinen, versüßen.

Schau regelmäßig vorbei, damit du keine verpasst. Die Neuste steht immer ganz oben.

Das kühle Lied der Flammen

Chrona blickte über die Menge und sprach ihre Worte mit kühler Gelassenheit, während die Flammen um sie herum zu Eis erstarrten. Sie schlitterte den gefrorenen Scheiterhaufen hinab. Ihre Schuhe spien Eisfunken, die wie Sternensplitter auf die Versammlung unter dem Mond regneten. Aus den Funken wuchsen Kristallblumen, die sanft glitzerten und doch alle erstarren ließ.

 

    Aus der Mitte des Scheiterhaufens entstieg ein Vogel aus Eis. Er entfaltete seine Flügel und sang die Melodie der Freiheit. Wer sie hörte, vergaß für einen Moment Kummer und Schmerz. Chrona schwang sich auf seine Flügel und wurde nie wieder gesehen – doch das Lied lebt in jedem, der nachts an Wunder glaubt. Es erinnert daran, dass selbst in der tiefsten Dunkelheit ein Märchen wohnt, das nur darauf wartet, erzählt zu werden. 
 

©U.Helsch 2025

von U.Helsch

Sophies Gefühle

Der Himmel über Baden-Baden war eine brodelnde Leinwand, in der sich violette Blitze und schimmernde Bögen aus Licht ein Duell lieferten. Regenbögen flackerten wie zerrissene Seide im Wind, tanzten wie Polarlichter auf Adrenalin. Sophie drückte die Stirn an das kühle Fensterglas ihres Zimmers. Sie hatte es wieder getan.


    Ihre Mentorin, ein kleiner Kolibri, landete auf dem Sims. Niemand außer Sophie konnte sie sehen. „Warst du wütend?“, murmelte der Kolibri.
 

    Sophie ballte die Fäuste. Immer wenn Jan sie ansah, zitterte die Luft. Als er heute ihr Lächeln mit einem stummen Nicken beantwortet hatte, war die erste Windböe über den Marktplatz hinweggefegt. Die Sturmwolken folgten – rasend, suchend, schwankend wie ihr Herz. „Ich war – nervös“, entgegnete Sophie.
„Komm zu unserem Baum. Du musst lernen, deine Gefühle zu beherrschen, nicht zu verstecken.“
 

    Sophie eilte aus dem Haus, ihre Finger zitterten. Bekam sie nun Ärger? Es war schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass sie in der realen Welt ein magisches Wetter heraufgerufen hatte.
    

    Der Baum, eine alte Kiefer, diente als Portal in die magische Akademie. Am Übergang war es windstill. Unerträglich still. Das machte sie noch nervöser. Die Wächter des Portals erkannten sie von Weitem und ließen sie passieren.
 

    Melinda, nun nicht mehr in Form eines Kolibris, sondern der Schatten einer alten Frau, flüsterte: „Wut macht Blitze. Sehnsucht erschafft Nebel. Angst ruft Hagel. Du musst dir deiner Gefühle bewusst sein, nicht erst entdecken, wenn das Wetter reagiert.“ Sie sah Sophie mit strengem Blick an, was ziemlich gruselig war, da Melinda nur als Schatten existierte, doch ihre Augen leuchteten jetzt wie eine Ampel so rot. „Ich kann es nicht mehr lange vor dem Rat verstecken. Du musst es endlich lernen.“


    Sophie zitterte, doch plötzlich spürte sie alles: ihre Sehnsucht nach Nähe, ihre Angst vor Zurückweisung, die tiefe Wut über sich selbst. Wolken ballten sich, der Boden bebte. „Hör auf!“, befahl Melinda. „Die Welt spiegelt, was in dir tobt - doch wenn du dein inneres Gleichgewicht findest, wird es zur Melodie deiner Seele, die alle in ihren Bann zieht.“
 

    Sophie blinzelte und legte den Kopf schief. „Aber wie geht das?“


    „Hör tief in dich hinein. Du musst nicht perfekt sein. Sei einfach du und der Wind wird mit dir tanzen.“
 

    Sophie dachte an Jans ruhige Stimme, an das Gefühl, das in ihr aufstieg, wenn er in ihrer Nähe war. Kein Sturm, sondern Brise. Kein Chaos, sondern Tanz. Das war es.
 

    Sie öffnete die Hände und sah durch das Portal zurück in die reale Welt. Der Sturm hörte nicht abrupt auf – er verwandelte sich. Die Wolken begannen zu kreisen wie tanzende Schleier. Die Regenbögen vereinten sich zu einem einzigen.
 

    „Du bist eine Wetterhexe, weil du das Wetter begreifst“, flüsterte Melinda, „ihr seid nun eins.“
 

    Als Sophie nach Baden-Baden zurückkehrte, stand Jan am Brunnen vor ihrem Haus und schaute zum Himmel. Als er sie sah, lächelte er. Ein echter, warmer und ruhiger Ausdruck.
 

    Sophie lächelte zurück und ließ eine zarte Windböe mit seinen Haaren spielen.
 

©U.Helsch 2025

von U.Helsch

Traum jeder Erdbeere

Im Königreich der süßen Delikatessen hegte jede Erdbeere den Traum, von den zärtlichen Händen der Bäckerinnen entdeckt und gekrönt zu werden. Wir gediehen wie funkelnde Rubine an grün bewachsenen Wänden, die jeden Sonnenstrahl einfingen, um uns zu Königinnen der Früchte zu machen.
 

    Bereits als Erdbeerblüte hegte ich den Wunsch, einmal von jener weißen, fluffigen Masse gekrönt zu werden, von der mir meine Pflanze erzählt hatte. Doch dieses Privileg wurde nur den besten, größten und süßesten Früchten zuteil. Die anderen landeten in einem kochenden Topf, reichlich gezuckert, um nach einiger Zeit zu Brei zerkocht zu werden. Doch das wollten wir alle nicht und so begann schon in unserer Wiege ein Wettlauf.


   Als Blume sang ich den Bienen das schönste Lied, und sie besuchten mich oft. Doch wenn es kalt wurde, kuschelte ich mich in die warme Erde. Ob Sonne oder Regen, stets reckte ich stolz meinen Kopf empor. Im Land der süßen Delikatessen wechselten beide Elemente stets in perfekter Harmonie.


   Meiner zarten weiß-rosa Blüte folgte bald ein kleines grünes Köpfchen, das unter der liebevollen Pflege der Gärtner schnell errötete und wuchs.


   Eines Tages, als die Sonne ihren Höhepunkt erreicht hatte und ich in leuchtendem Rot prall gefüllt war, kamen die Bäckerinnen und pflückten nur die Schönsten unter den Schönen. Und als Erstes wählten sie mich aus. Triumphierend wurde ich auf einem Tablett ins Innere des Hauses getragen. Keine meiner Geschwister durften mich berühren, jeder kämpfte für sich allein.


   Auch im angenehm temperierten Wasserbad blieb jeder für sich. Ein flauschiges Handtuch nahm dann die Feuchtigkeit von meiner Haut auf. Das fühlte sich angenehm an.


   Ich wurde emporgehoben und da sah ich sie - die fluffigen Backwaren, die nach Vanille und Karamell dufteten und von denen eine mein Thron werden würde. Kreisrund und goldbraun, mit einem Bett aus fluffiger weißer Masse und kleinen dunklen Punkten. Ich konnte es kaum erwarten, mich endlich mit ihnen zu vereinen. Zarte Hände ergriffen mich und - aaaaah. Es war noch schöner als in meinen Träumen. Ich schaute mich um. Meine Geschwister wurden direkt neben mir aufgereiht.
   

   Doch etwas fehlte. Wo war es? Ich wollte jetzt meine Krone!
 

   Da erschien ein gezacktes Gebilde über mir, und aus ihm floss in zärtlichen Runden - meine Krone. Federleicht wurde sie aufgesetzt und ich fühlte mich wie im siebten Himmel.


   Plötzlich wurde ich aus meinen Träumen gerissen. Eine Bäckerin hob mein Törtchen an, platzierte es auf einem feinen Porzellanteller, der wie ein Wolkenschiff auf ihren Händen durch die Lüfte glitt. Um mich herum versammelten sich Schmetterlinge und Feen, ihre Augen leuchteten vor Staunen, denn im Königreich der süßen Delikatessen war ich nicht einfach nur ein Gebäck, sondern ein Symbol der Freude und des Lebens.


   Ein Erdbeertörtchen mit Sahnehäubchen.
   

   Der Teller mit mir wurde vor ein großes, behaartes Wesen gestellt. Es nahm einen spitzen Dreizack zur Hand und ... Pass auf, tu mir nicht weh!
Beinahe hätte es mich zerteilt. Dann flog ich auf dem Dreizack in eine große rote Luke. Im selben Moment wurde alles dunkel.
 

 

 

©U.Helsch 2025

von U.Helsch

Wanderung in den Mai

Angela seufzte. Mit siebzehn Jahren war sie kein Hexenkind mehr. Vorsichtig blickte sie über ihre Schulter, spürte den kalten Hauch des Waldes auf ihrer Haut. Ihre Familie hatte ihr Verschwinden nicht bemerkt. Schnell eilte sie weg vom Hexenfest der Walpurgisnacht, hin zum traditionellen Dorffest. Dort wollte sie mit Tom tanzen, bis die Sohlen rauchten. 
   Ihre Eltern hatten ihren Besen gleich bei der Ankunft beschlagnahmt. Aber Angela gab nicht auf. Zu ihrem weitgefächerten Rock trug sie gute Joggingschuhe, nicht die klobigen Hexenstiefel. So war sie bereit für den Halbmarathon zurück ins Dorf.
   Der Weg führte mitten durch den dunklen, hügeligen Schwarzwald, dicht und voller Schatten. Sie spürte den weichen Waldboden unter ihren Schuhen, hörte das Rascheln der Blätter die sie streifte. Die Luft roch nach Moos und feuchter Erde. Sie verfiel in einen gleichmäßigen Laufschritt, spürte das Pumpen in ihren Muskeln. Glücklicherweise war sie eine gute Crossläuferin und nahm regelmäßig an entsprechenden Wettkämpfen teil. Nur die Dunkelheit bereitete ihr Probleme, doch bald würde der Mond hell am Firmament stehen und die Sehnsucht trug sie voran. Sie dachte an Toms dunkle, verstrubbelte Locken und seine so verführerischen roten, wohlgeschwungenen Lippen.
   Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich. Schnelle, feste Schritte, die näherkamen. Panik flackerte auf. Ein Verfolger? Ein Hexenjäger? Ohne zu zögern, hob sie die Hände – Funken wirbelten durch die Luft, gepaart mit einem Fluch – eine Lähmung, ein Schleier.
   Ihr Verfolger erstarrte und verlor sein Gesicht. Nun stand da ein unkenntlicher Schatten im dunklen Wald. Angela schnappte nach Luft. Ihr Herz schlug schmerzhaft gegen ihre Brust.
   Sie atmete zweimal tief durch und wollte weiterlaufen. Doch etwas zog sie zurück. Es war wie ein unsichtbares Gummiband, das an jeder Faser ihres Körpers zerrte. Sie konnte sich kaum zehn Meter von der erstarrten Gestalt entfernen. Wurde zurückgezogen. Sie brauchte alle Kraft, um in sicherer Entfernung stehen zu bleiben. Der Zug wurde stärker. Was sollte sie tun? Suchend blickte sie in alle Richtungen, schluckte schwer.
   Sie ließ sich von dem Band zu dem Unbekannten zurückziehen. Zitternd hob sie ihre Hände und löste den Bann. Bereit, ihn sofort wieder auszusprechen.
   Die Nebel schwanden und dann glaubte sie ihren Augen kaum. Tom? Für einen Moment standen sie da, die Nacht surrte um sie herum.
   „Angela ...?“, wisperte seine raue Stimme. Sein Blick war verwundert – aber voller Wärme.
   „Tom ...?“ Ihr Blick flog zu seinen warmen, apfelgrünen Augen. Die Erkenntnis traf sie wie ein ungezähmter magischer Funke, der ein Feuerwerk zündete.
   „Ja“, er grinste sie an.
   Ihr Blick wanderte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Du bist auch aus einer Hexenfamilie?“ Sie musste es aussprechen.
   Er lachte leise. „Und wie es ausschaut, sind wir beide ausgebüxt und auf dem Weg zum Dorffest. Walpurgisnacht der Überraschungen.“
   „Ja“, schrie sie vor Freude aus. „Ich wollte heute Nacht unbedingt mit dir tanzen.“
   Tom machte einen Schritt, packte sie an der Taille, hob sie hoch und wirbelte sie im Kreis. Sie lachten, als er sie wieder auf die Füße stellte und ihre Hand nahm. „Lass uns zurückgehen. Zu unserem Fest und mit den Familien feiern.“
   Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg – nicht als Rebellen, sondern als Hexen, die ihren eigenen Weg fanden.
 

 

 

©U.Helsch 2025

von U.Helsch

Das dunkle Versprechen

Die 14-jährige Wetterhexe Suraja saß auf dem schmalen Fensterbrett ihres Zimmers. Die Tränen liefen über ihre Wangen, während der Regen unaufhörlich gegen die Scheiben prasselte und die Felder der Bauern unter Wasser setzte. Es war ihre Schuld. In ihrer Trauer über den Tod des geliebten Katers Miro hatte sie den Himmel zu endlosem Regen verdammt, ohne an die Konsequenzen zu denken.
Überwältigt von Verzweiflung, spürte Suraja, dass sie handeln musste. Ihre Eltern waren auf Reisen und in ihrer Not erinnerte sie sich an ihre Tante Nota, die für ihre unkonventionellen Methoden bekannt war. Nota lebte am Rand des dunklen Waldes, wo die Schatten tanzten und die Gesetze nicht immer geachtet wurden. Sie machte sich auf den Weg zu ihr.
   Als Suraja ankam, strahlte Nota sie an. „Ah, mein liebes Kind! Du suchst Hilfe, nicht wahr?“ Natürlich wusste Nota um das Unglück. „Ich kann dir helfen, aber du musst mir ein Versprechen geben.“
   In Surajas Magen grummelte es. „Was verlangst du von mir?“
   „Du wirst mir drei Wochen als Hexenknecht dienen. Ich werde dir zeigen, wie du mit dunklen Kräften helfen kannst.“ Mit weit aufgerissenen Augen sah sie Suraja an. „Lass dich von mir führen, und gemeinsam werden wir deinen Schlamassel bereinigen.“
Die Dunkelheit war verlockend, doch Suraja wollte stark bleiben, der Versuchung widerstehen. Mit krächzender Stimme flüsterte sie: „Ich verspreche es, aber ich werde darauf achten, rein zu bleiben.“
   Zufrieden gab ihr Nota die ersten Aufgaben. Suraja sammelte Kräuter im dunklen Wald und braute Zaubertränke, die die Schatten anzogen. Sie spürte, wie dunkle Energien um sie herum tobten, doch sie klammerte sich an ihre guten Absichten. Immer wieder flüsterte sie: „Ich werde die Bauern retten.“ Doch sie spürte eine eigenartige Macht in sich wachsen.
   Da ihre Tante untätig blieb, vertiefte sie sich heimlich in deren Grimoire und suchte nach Lösungen gegen den Regenfluch. In der ersten Woche half sie den Bauern, indem sie mit Windzaubern die Wolken veränderte, um das Wasser umzuleiten. Danach spürte sie, wie die Dunkelheit weiter in ihr wuchs, kämpfte jedoch gegen den Drang an, diese Macht vollends zu nutzen. Stattdessen wandte sie sich den Elementen zu und bat den Wind um Beistand.
   Während sie weiterhin ihrer Tante assistieren musste, rief sie in der zweiten Woche das Sonnenlicht herbei, um den Regen zu verscheuchen. Sie fand einen Weg, die Dunkelheit zu umarmen, ohne sich von ihr verschlingen zu lassen. Suraja suchte Unterstützung bei der Natur und den Elementen, um eine Brücke zwischen Licht und Schatten in sich zu bauen.
   Nach drei Wochen stand Suraja auf einem Hügel, die Sonne strahlte hell, die Wolken hatten sich verzogen. Die Felder waren gerettet.
   Nota beobachtete stolz, wie ein Hauch von Dunkelheit in Surajas Augen schimmerte. „Du hast es geschafft, Suraja. Doch die Dunkelheit wird fortan ein Teil von dir sein.“
   „Vielleicht ist die Dunkelheit nun in mir verankert“, entgegnete Suraja. „Dennoch werde ich, mit Hilfe der Elemente, der weißen Magie treu bleiben. Dunkelheit ist nur ein Baustein, den ich nutze, um Gutes zu bewirken.“
   Und so kehrte sie zu den Bauern zurück, bereit, ihre Kräfte zum Wohle aller einzusetzen.
 

 

 

©U.Helsch 2025

von U.Helsch

Das vergessene Märchenbuch

In einer kleinen, charmanten Stadt stand eine alte Bücherei, die von den Bewohnern geliebt wurde. Doch in einer verborgenen Ecke, zwischen vergessenen Klassikern und glänzenden Bestsellern, ruhte ein übersehener Schatz: ein verstaubtes Märchenbuch.
   Einst strahlte es als Juwel für Jung und Alt, doch die Jahre des Vergessens haben es in Trauer gehüllt, den Staub als stummen Zeugen seiner Einsamkeit. Das Buch sehnte sich nach vergangenen Tagen, als seine Geschichten die Herzen der Leser mit Leben erfüllten.
   Als die neue Bibliothekarin Emelie, ihren ersten Schritt in die Bücherei setzte, spürte das Buch einen Funken Hoffnung. Rasch erkannte es ihre Leidenschaft für vergessene Erzählungen. Bereits an ihrem zweiten Tag fiel Emelie das verstaubte Märchenbuch auf. Das Buch spürt, Emelie könnte der Schlüssel sein, um wieder gelesen zu werden. Doch zugleich nagte die Angst, dass niemand mehr Interesse an seinen Geschichten hat.
   In einer zauberhaften Nacht, als die Bücherei längst ihre Tore geschlossen hatte, entschlüpfte ein quirliger kleiner Geist den Seiten des Märchenbuchs. Er ermutigte das Buch, sich Emelie zu offenbaren und auf die magische Kraft der Geschichten zu vertrauen. Diese Worte hauchten dem Buch neuen Mut ein, und sehnsüchtig wartete es auf den kommenden Morgen, wenn Emelie mit ihrem Staubtuch erscheinen würde.
   Als Emelie sich dem Regal näherte, begann das Buch sanft zu erzittern, doch sie nahm keine Notiz davon. Das Buch sammelte all seine Kraft und blätterte einige Seiten um. Neugierig trat Emelie näher, schaute sich um und griff entschlossen nach dem Märchenbuch. Sofort ließ sie sich in einen Sessel sinken und begann zu lesen. Die Geschichten fesselten sie, ließen sie die Welt um sich herum vergessen. Doch die anderen Bücher in der Bücherei wurden eifersüchtig. Auch sie begannen zu zittern und blätterten eigenständig um. Emelie jedoch las unbeirrt weiter.
   Immer tiefer wurde sie in die Magie der Geschichten und wertvollen Lektionen hineingezogen. Eine unsichtbare Verbindung webte sich zwischen ihr und dem Buch. Jeden Morgen erzählte sie dem Buch von ihren nächtlichen Träumen, in denen die Abenteuer aus den Seiten lebendig wurden. Die Erkenntnis, dass die alten Geschichten unsterblich sind, solange es Leser gibt, ließ sie lächeln.
   Um das vergessene Buch aus dem Schatten zu holen, plante Emelie eine Lesung in der Bücherei, um die Geschichten mit der Gemeinschaft zu teilen. Doch die anderen Bücher, eifersüchtig und missgünstig, versuchten die Veranstaltung zu sabotieren, indem sie lautstark auf den Regalen polterten. Unbeirrt von den Störungen hielt Emelie standhaft an ihrem Vorhaben fest und präsentierte das Märchenbuch mit strahlenden Augen. Die Zuhörer lauschten gebannt und hungerten nach mehr Informationen. Endlich erhielt das Buch die verdiente Aufmerksamkeit.
   Nach der Lesung bildeten sich lange Schlangen, jeder wollte das Buch als Erster ausleihen, um in seinen Seiten zu versinken. Schnell wurde es zum Gesprächsthema der Stadt. Das Märchenbuch erlebte eine Renaissance und entfachte die Begeisterung einer neuen Lesergeneration für die Magie seiner Geschichten.
   Das Buch erkannte, dass es nie zu spät ist, neu entdeckt zu werden, und dass die Liebe zur Literatur zeitlos ist. Gemeinsam mit Emelie hauchte es den Geschichten neues Leben ein und eroberte die Herzen der Menschen im Sturm.
 

 

 

©U.Helsch 2025

von U.Helsch

Eiszeit in Florida

„Vanilleeis gibt es nur im Sommer, bei Sonne und mindestens 25 Grad.“ Das waren die letzten Worte von Manuels Mutter. Mit Tränen in den Augen drehte er sich um, rannte in sein Zimmer und schlug mit voller Wucht die Tür hinter sich zu. Er lief zum Fenster und schaute hinaus in den Garten, aus dem ihm fünf Schneemänner entgegen lächelten. Schon vor Wochen hatte es tagelang geschneit und im Anschluss waren die Temperaturen auf zapfig kalte -20 Grad gesunken. Alles war von frostigem Weiß überzogen, die Straßen glatt und keiner seiner Freunde wollte mehr das Haus verlassen.
   Eiszeit in Florida – warum spielte nur das Wetter verrückt? Oder war er selbst daran schuld? Nein, das konnte nicht sein. Er wollte doch nur einmal in seinem Leben einen richtigen Schneemann aus Schnee bauen und nicht aus Sand.
   Manuel überlegte. Die alte Frau war so nett zu ihm, sollte er sie noch einmal aufsuchen? Ohne zu zögern, holte er seinen neuen Winteranzug und zog ihn an.
   Seine Mutter spähte aus der Küche, als sie ihn hörte. „Wo gehst du hin?“, fragte sie, als sie sah, dass er seine Boots anzog.
   „Ich will zu Chris, der hat eine neue Playstation.“ In seinem Magen kribbelten tausend Käfer bei der Lüge, doch er schaffte es nicht, rot zu werden.
   „Gut, aber du gehst direkt hin und kommst spätestens um fünf zum Essen zurück.“
   Er gab ihr schnell einen Kuss und flutschte zur Tür hinaus. Als er um eine Ecke bog – hier konnte ihn seine Mutter nicht mehr sehen – schlug er den Weg zum verlassenen Haus im Wald ein.
   Immer wieder rutschten ihm die Beine auf dem vereisten Weg weg. Endlich erreichte er den Wald, doch hier sah alles anders aus. Zwischen den Bäumen steckten mannsgroße Eiszapfen in der Erde. Es glich einem Spiegellabyrinth.
   Langsam zwängte sich Manuel zwischen den Eiszapfen und Bäumen hindurch. Bald wusste er nicht mehr, wo er war und in welche Richtung er gehen sollte. Erschöpft und frierend lehnte er sich gegen einen der Eiszapfen. „Hilfe“, rief er, so laut er konnte. „Kann mich jemand hören? Hilfe, wie komme ich hier wieder raus?“ Seine Stimme brach weg, Tränen stiegen in ihm auf, doch er schluckte sie hinunter.
    „Wer ist da?“, fragte eine weibliche Stimme in seiner Nähe.
   „Hallo. Hallo, ich bin Manuel. Können Sie mir den Weg hier raus zeigen?“
   Erst sah er nur ein paar Farben hinter den Eiszapfen in seiner Nähe, doch dann erschien das runzlige, freundliche Gesicht, der alten Frau.
   „Bin ich froh, dass Sie mich gefunden haben.“ Er strahlte die Frau an.
   „Was tust du hier draußen? Los, folge mir.“ Sie drehte sich um und lief voraus, bis sie wieder aus dem Irrgarten aus Bäumen und Eiszapfen heraus waren. In der Ferne konnte Manuel die Stadt erkennen.
   Nun standen sie sich gegenüber und die Frau erkannte ihn. „Ach, du bist es. Ich hatte mich schon gefragt, wann du endlich zu mir kommen würdest, um diesen Schlamassel zu beenden.“
   „Aber ich habe doch gar nichts gemacht? Ich wollte doch nur einmal einen richtigen Schneemann bauen.“ Er schüttelte den Kopf. Warum sollte er an der Eiszeit schuld sein?
   „Du hast dir von mir Winterwetter gewünscht. Dein Wunsch war so intensiv, dass ich ihn allein nicht rückgängig machen kann.“
   Manuel starrte die Frau an. „Ich war das?“ Er zeigte um sich.
   „Ja, aber ich trage Mitschuld. Ich bin eine Wetterhexe, hatte aber seit Jahren nicht mehr gehext. Als ich die Auswirkungen sah, war es zu spät. Ich konnte es nicht alleine rückgängig machen und dich nicht finden.“ Sie atmete schwer.
   Manuel schüttelte den Kopf. „Aber es gibt keine Zauberei!“, piepste er und ging rückwärts von der Hexe weg.
   Die Hexe lächelte und streckte ihm eine Hand entgegen. „Keine Angst, ich bin eine gute Hexe. Komm, gib mir deine Hand, damit wir den Schlamassel rückgängig machen.“
   Zögernd ging er auf sie zu und legte zitternd seine Hand in ihre. „Wie funktioniert das?“
   „Wünsch dir, dass dein Wunsch rückgängig gemacht wird. Ich erledige den Rest.“ Sie sah ihm tief in die Augen und schloss sie dann.
   Manuel drückte seine Augen ganz fest zu. Er dachte an Sonne, Wärme und Eiscreme, bis die Hexe seine Hand schüttelte. „Denk nur daran, den Wunsch rückgängig zu machen, nicht an Neues“, schimpfte sie.
   „Tschuldigung“, flüsterte er und dachte dann nur noch daran, dass sein Wunsch sich auflösen sollte.
   Nach kurzer Zeit ließ die Hexe seine Hand los. „Das hat funktioniert. Mach die Augen auf.“
   Manuel öffnete erst das eine, dann das andere Auge und staunte. Die dunklen Wolken verzogen sich, die Sonne strahlte. Wasser tropfte von den Bäumen, die Eiszapfen wurden immer filigraner. Er atmete tief, öffnete seinen Schneeanzug und sah zu, wie die Natur sich erholte.
   „Nun lauf nach Hause, bevor die Straßen vom Tauwasser überschwemmt werden.“
   „Danke“, er strahlte die Hexe an.
   „Musst nicht danken, aber sei vorsichtiger mit deinen Wünschen.“
   „Werde ich.“ Er drehte sich um und rannte nach Hause. Die Hexe besuchte er nie wieder.

 

 

 

©U.Helsch 2025

von U.Helsch

Mystischer Nebel

Ein kalter Novembermorgen brach an, Sonnenstrahlen kämpften sich durch den Nebel. Die Landschaft getaucht in mystisches Grau. Die Bäume trugen einen Mantel aus funkelndem Raureif, der im schwachen Licht wie Diamanten schimmerte.
Helena und Tim spazierten Hand in Hand über das gefrorene Feld zur Schule. Ihre Atemwolken stiegen empor, ihr Gespräch durchdrang den Nebel. Die Welt schien zu pausieren.
„Sieh dort drüben!“, rief Tim und zeigte auf eine rotierende Spirale in der Nebelwand.
Voller Neugier näherten sie sich. Der Nebel schien farbig zu werden. „Was, wenn das ein Portal ist?“, flüsterte Helena aufgeregt. „Wie im Kino!“
„Komm“, stöhnte Tim und zog sie mitten hinein. Eine kühle Brise umfing sie und plötzlich umhüllte sie gleißendes Licht.
Als das Licht schwand, fanden sie sich in einer anderen Welt wieder. Die Sonne strahlte hell. Blumen in Regenbogenfarben erblühten und süßer Duft nach Vanille, Zimt und Schokolade lag in der Luft.
„Unglaublich!“, hauchte Helena und ließ Tims Hand los, um sich umzusehen. „Das ist atemberaubend! Fehlt nur noch ein Bach aus Schokolade und ich bleibe hier.“
Während sie weitergingen, hörten sie ein leises Schluchzen aus dem Wald. Neugierig und besorgt schlichen sie näher heran und entdeckten ein Mädchen in einem blauen Kleid, das am Baum lehnte und weinte.
„Was ist passiert?“, erkundigte sich Helena.
„Meine Freunde Nik und Lisa wurden von der Waldhexe entführt“, schluchzte das Mädchen.
„Wie heißt du?“, fragte Helena und kniete sich neben sie.
„Martina.“
Helena und Tim stellten sich vor.
„Wir helfen euch“, erklärte Tim. „Wo finden wir die Hexe?“
„In der Höhle am Ende des Waldes“, berichtete Martina. „Ihr dürft keine Angst zeigen, sonst seid ihr verloren. Deswegen kann ich euch nicht begleiten.“
Ungeachtet der Warnung waren Helena und Tim fest entschlossen, die Freunde des Mädchens zu befreien. Couragiert machten sie sich auf den Weg durch den Wald und je näher sie der Höhle kamen, desto gespenstischer wurde die Umgebung.
„Wir schaffen das“, flüsterte Helena, als sie schaurige Schatten wahrnahmen. Tim nickte zustimmend.
Als sie die Höhle erreichten, vernahmen sie das höhnische Kichern der Hexe. Eine alternde Frau mit wirrem Haar und einem schillernden Umhang trat hervor. „Was wollt ihr?“, krächzte sie.
„Wir wollen Nik und Lisa befreien!“, rief Tim mutig.
Die Hexe lachte höhnisch. Doch Helena hatte eine Eingebung. „Wir fordern euch zu einem Wettstreit heraus!“, rief sie. „Gewinnen wir, entlasst ihr die Gefangenen.“
Die Hexe willigte belustigt ein. „Doch bei einer Niederlage gehören ihr mir.“
Ein Wettstreit des Wissens begann. Die Hexe stellte Fragen über alte Legenden, die in der normalen Welt als Märchen bekannt waren: Welches Kind mit rotem Cape wurde im Wald bedroht? Wer fiel in einen verzauberten Schlaf von Rosen umkränzt? Wer war in einem hohen Turm gefangen und ließ ihr Haar hinab? Helena und Tim kannten alle Antworten und die Hexe sank erschöpft auf die Knie.
„Unglaublich, dass wir es geschafft haben“, rief Helena und hüpfte auf und ab.
Die Hexe musste ihr Versprechen einhalten und die Gefangenen freilassen. „Diesmal hattet ihr Glück, doch wenn ihr jemals wiederkehrt, gehört ihr mir“, zischte sie, ehe sie davonflog.
Jubilierend kehrten Helena, Tim, Nick und Lisa zu Martina zurück. Sofort herzten sich alle.
Fröhlich winkend, machten sich Helena und Tim auf den Rückweg durch die Nebelwand.
„Was für ein Abenteuer“, stieß Tim aus.
„Und wir haben es gemeinsam erlebt“, ergänzte Helena.
Mit einem letzten Blick auf die Nebelwand entfernten sie sich, ihr Herz erfüllt von den Erinnerungen an ihr Abenteuer.
 

 

 

©U.Helsch 2024

von U.Helsch

Die Magie von Samhain – Liebe besiegt die Dunkelheit

Samhain war gekommen. Die Grenze zwischen den Welten begann zu verschwimmen. In einem geheimnisvollen Dorf, umgeben von flüsternden Wäldern und tosenden Wasserfällen, versammelten sich dreizehn Hexen in einem Wald um ein loderndes Reisigfeuer.
Ihre Flickenkleider schimmerten im flackernden Feuerschein. Die Lichtung war von kahlen Bäumen umgeben, deren Äste wie die Arme von fünf Riesen wirkten. Die Hexen bildeten einen Kreis, hielten sich an den Händen und sangen Lieder, die ihre Vorfahren ehrten. Am Steinaltar türmten sich Opfergaben, um die Geister um Gnade im kommenden Winter zu bitten.
Nina war nun dreizehn Jahre alt und durfte erstmals an diesem uralten Ritual teilnehmen. Sie blinzelte nicht, um keinen Moment zu verpassen. Als sie sich aus dem Kreis löste, um den Altar zu betrachten und einen Apfel abzulegen, erhob sich ein plötzlicher Wind, der Blätter und Hexen in die Luft wirbelte. Die Hexen sangen lauter und tanzten mit den Blättern im Kreis.
Nina rotierte hin und her und blickte bang zum Himmel. „Der Himmel kommt herunter, um uns zu umarmen“, schrie sie aufgeregt. Die anderen Hexen beobachteten es besorgt.
„Wir müssen vorsichtig sein“, mahnte die weise Hexe Mia. „Die Geister dürfen nicht verschreckt werden.“
Ein grauer Nebel umhüllte die Lichtung. Das Feuer erlosch. Schimmernde Gestalten materialisierten sich – Geister von Tieren und Menschen. Sie schwebten durch die Luft und spielten mit der Dunkelheit und dem Wind.
„Habt keine Angst!“, rief Nina. „Wir ehren euch.“ Einladend streckte sie die Hände aus. Die Geister verharrten und mit ihnen der Wind. Alle Hexen plumpsten auf den Boden. Die schimmernden Gestalten kamen näher und umkreisten die Hexen, die mühevoll aufstanden. Nach einem Moment der Stille flackerte das Feuer wieder auf und die Hexen tanzten mit den Geistern drum herum.
Da bemerkte Nina einen kleinen, traurigen Hunde-Geist, der am Fuß eines Baumriesen zurückgeblieben war. „Warum weinst du?“, fragte sie.
„Ich bin Bello“, schluchzte der kleine Geist. „Ich habe mich verirrt und finde meinen Besitzer nicht wieder.“
„Wir helfen dir“, versprach Nina und wandte sich an die anderen Hexen. Gemeinsam bildeten sie einen magischen Kreis um den Geist und begannen einen Zauber zu sprechen, der die Herzen von vermissten Menschen erreichen konnte.
Funkelnde Sterne erschienen über Bello und schossen davon. Plötzlich erschienen Bilder, direkt über Bellos Kopf: Ein kleiner Junge lief weinend durch die Straßen und rief nach Bello. Sofort schickten die Hexen den kleinen Geist zu seinem Herrchen. Ein Lächeln huschte über die tränennassen Wangen des Jungen, als er seinen Freund in einem Luftzug, der seinen Arm streifte, erkannte.
„Bello“, rief der Junge und lief glücklich nach Hause. Der kleine Geist des Hundes strahlte vor Freude und folgte ihm.
Die Hexen und die anderen Geister klatschten vor Freude und tanzten weiter, während der Nebel sich lichtete und der Mond hell am Himmel erstrahlte.
Als die Nacht verblasste, fühlte sich Nina glücklich und stolz. Sie hatte nicht nur einen Geist gerettet, sondern auch die wahre Bedeutung von Samhain begriffen.
Es ging nicht nur um die Geister, sondern auch um die Liebe und Erinnerungen, die wir teilen. Liebe hatte die Dunkelheit besiegte.
 

 

 

©U.Helsch 2024

von U.Helsch

Happy Halloween

Ein markerschütterndes Geräusch riss Timmy aus dem Schlaf. Sein Herz trommelte gegen seine Rippen, Hitze durchflutete seinen Körper und trotzdem schüttelte es ihn. Gänsehaut kroch an seinen Armen empor.
Der Regen prasselte gegen das Fenster, begleitet vom fernen Grollen des Gewitters. Er kuschelte sich in seine Decke, um die Kälte auszusperren. Doch diese Nacht war mehr als nur kalt. Ein leises Knirschen drang durch die Dunkelheit.
Er presste die Augen fest zusammen, kämpfte gegen die aufsteigende Panik an. „Es ist nur der Wind. – Es ist nur der Wind. – Es ist nur der Wind“, flüsterte er, um sich zu beruhigen. Doch das Knirschen verstärkte sich, als würde sich jemand auf dem alten Holzboden anschleichen. Hilfesuchend tastete er neben sich. Sein Magen machte einen Salto. Wo war Peter, sein Teddybär? Ein unheimliches Gefühl breitete sich in seiner Brust aus.
„Peter?“, rief er leise, doch die Antwort kam in Form des unheimlichen Knirschens, das näher kam. Timmy setzte sich auf und starrte in die Dunkelheit. Er tastete unter seiner Decke nach dem Bären, doch er war nicht da. „Ich lasse dich nicht allein, Peter“, murmelte er, während er kopfüber unter seine Decke kroch, um intensiver zu suchen. Doch da war nichts. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er wieder auftauchte und suchend durch den dunklen Raum blickte.
Plötzlich erklang ein leises, beinahe kindliches Kichern. Es war jedoch kein normales Kinderlachen, sondern ein schauriges Echo, das die Wände seines Zimmers erzittern ließ. Das Knirschen verstummte und für einen kurzen Moment lag absolute Stille in der Luft.
Timmy atmete tief ein und sprang aus dem Bett. Er musste Peter finden, koste es, was es wolle. Doch als er mit beiden Beinen auf dem kalten Boden stand, erblickte er nur die Schatten, die im flackernden Licht der Blitze tanzten.
Das unheimliche Kichern kehrte zurück, und in der Dunkelheit sah er zwei leuchtende Augen, die ihn fixierten. Plötzlich erkannte er den Umriss eines Bären in seiner Größe. Doch es war nicht sein Peter, denn der war kleiner.
„Komm und spiel mit mir“, flüsterte die Gestalt.
Timmy presste die Lippen zusammen, um nicht laut aufzuschreien. Was sollte er tun? Innerlich rief er nach seinem Freund Peter. Doch er bekam keine Antwort.
Schritt für Schritt drückte er sich an der Wand entlang, um in den Flur zu flüchten.
„Keinen Schritt weiter, sonst siehst du deinen Teddy nie wieder“, raunte ihm die Dunkelheit zu. In den Klauen des Ungeheuers konnte Timmy nun seinen Peter erkennen, der hin und her geschüttelt wurde.
„Lass meinen Peter los, du Ungeheuer.“ Plötzlich durchströmte Timmy ein Gefühl der Entschlossenheit. Er wagte einen Schritt auf den Bären zu. Peter sollte nicht allein bei diesem Ungeheuer bleiben.
Das Ungeheuer wich einen Schritt zurück, hielt Peter fest umklammert. „Wenn du noch näher kommst, werde ich deinen Freund zerfetzen.“
Timmy erstarrte, doch langsam, ganz langsam drang eine Erkenntnis in seinen Geist. Die Stimme des Ungeheuers hatte sich verändert, klang nun kindlich und bekannt. „Duuuuuuu“, schrie er und stürzte sich auf das Ungeheuer.
Beide fielen zu Boden, während der Teddybär Peter unter das Bett kullerte. Wild um sich schlagend, schlug Timmy dem Ungeheuer die Maske vom Gesicht. In diesem Moment flammte das Zimmerlicht auf.
„Was ist hier los? Es ist kurz nach Mitternacht, ihr solltet längst schlafen“, schimpfte seine Mutter, näherte sich und zog Timmy von seinem Bruder Nico weg, der sich vor Lachen den Bauch hielt.
„Du bist ja so ein Baby“, äffte Nico ihn nach. „BooHuu! Weißt du nicht, was heute beginnt? – Happy Halloween.“
Seine Mutter sah das anders. Ab sofort hatte Nico für zwei Wochen Hausarrest. In diesem Jahr fand Trick or Treat ohne Nico statt.
 

 

 

©U.Helsch 2024

von U.Helsch

Weidenlaubsänger Finn

Bunt gefärbte Wälder und raschelnde Blätter auf dem Boden zeigten an, dass die Zeit des Aufbruchs gekommen war. Massen von Rotdrosseln fraßen im Nu die Vogelbeerensträucher leer, während die Überlandleitungen schwarz von Saatkrähen waren, die sich zum Beutezug sammelten. Es war Herbst und die feuchten Nebelmorgen wurden immer ungemütlicher.
Die ganze Weidenlaubsängerfamilie von Finn traf sich bereits am Rande des Stadtparks, um gemeinsam die Reise gen Süden zu starten. Diesen Winter wollten sie nach Tunesien, in eine Oase mitten in der Sahara.
Finn freute sich schon riesig darauf, doch die anderen mieden ihn, denn er galt als schwach und klein. Sie zweifelten daran, dass er den Flug schaffen würde.

Sein Lied war voller Herzschmerz, als ein Kranich unter ihm im Gras landete.
„Was ist los? Dein Klagen hörte ich sogar hoch oben in den Wolken“, fragte der Kranich, seinen Hals regend und zu Finn hinaufschauend, der auf dem untersten Zweig eines Apfelbaums saß.
Finn erzählte von seinem Leid, aber der Kranich kreischte nur laut auf und flatterte mit den Flügeln. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. In den Tiefen des Schwarzwalds lebt eine Hexe, die Vögel liebt und schon manchem von uns mit ihren Tränken geholfen hat. Fliege zu ihr, der Weg ist nicht weit.“
Finn flatterte aufgeregt mit seinen Flügeln, während der Kranich ihm den Weg erklärte und sich wieder in die Lüfte erhob. Mit pochendem Herzen machte er sich sofort auf den Weg, die Hexe zu suchen.
Als er ihren Garten erreichte, spürte er ein elektrisierendes Kribbeln in der Luft. Rund um das behagliche, kunterbunte Häuschen erklangen Vogelstimmen von Frieden und Liebe.
Die Hexe nahm ihn mit einem liebevollen Lächeln zärtlich in ihre Hände. Sie stellte sich ihm als Katja vor und hörte sich seine Geschichte an.
„Sei nicht mehr traurig. Natürlich helfe ich dir. Solange ich den Trank für dich braue, fliege doch bitte rüber in meinen Rosengarten“, sie wies hinter sich. „Eine meiner Rosen ist schrecklich von Läusen befallen, und soweit ich weiß, ist das eine deiner Lieblingsspeisen. Ich komme zu dir, wenn alles fertig ist.“
Fröhlich zwitschernd erhob sich Finn und flog zu den Rosen. Und ja, hier war ein wahres Fressparadies. Er hatte gerade die letzte Laus eines Wildrosenstrauchs verputzt, als Katja neben ihm in die Hocke ging.
„Hier mein Lieber“, sie reichte ihm eine Schüssel mit rosa gefärbtem Wasser, „mit diesem Kräutertrank stärken wir dein Herz und deine Flügel. Und dann mach schnell, damit du die Abreise deiner Familie nicht verpasst.“
Nachdem Finn den Trank getrunken hatte, durchströmte eine warme Energie seinen Körper, seine Flügel wurden leichter und sein Geist klarer. Er zwitscherte noch ein Abschiedslied und machte sich auf den Rückweg in den Park. Nun fühlte er sich bereit, mit den anderen nach Afrika zu fliegen.
Am folgenden Morgen, als die Nebelschwaden nur noch über den Boden waberten, starteten alle Vögel ihre Reise in den Süden. Als sie über Katjas Häuschen hinwegflogen, schaute sie zu ihm empor und winkte fröhlich.
So flog Finn voller Dankbarkeit in die Ferne, begleitet von der liebevollen Magie der Hexe und dem Wissen, dass er Unterstützung in jedem Moment finden konnte.
 

 

 

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von U.Helsch

Das Geheimnis des Regalbären

„Max, warum darf ich nicht mit ins Bett? Auch ich habe Geschichten zu erzählen!“, schallte eine tiefe, kratzige Stimme durch die tintenschwarze Nacht.
Überrascht schaue ich auf. „Leo, Sofie liebt dich doch! Aber es ist nur Platz für einen Bären im Bett. Ich kann nicht einfach mit dir tauschen.“
Leo seufzt. „Es ist nicht fair. Ich habe so viele Abenteuer erlebt, bevor ich hier im Regal gelandet bin. Ich trage die Geheimnisse der Sterne in mir. Ich möchte Sofie davon erzählen.“
Schnell schaute ich neben mich zur kleinen Sofie, um mich zu vergewissern, dass sie immer noch tief schlummerte. „Aber sie liebt dich doch. Das kann ich sogar von hier aus sehen.“ Ich setzte mich neben Sofies Kopf, auf das kuschelweiche Kissen auf.
„Du hast gut eden. Mit deinem plüschig weichen, strahlend blauen Fell. Deine Schleife glitzert sogar im Dunkeln, bis zu mir ins Regal herüber. Aber warte nur ab. Irgendwann wirst auch du verblassen.“ Er atmete tief durch und schaute an sich herunter.
„Aber die Blässe ist doch eine Auszeichnung. Sofie hat dich so oft geherzt, nur deshalb bist du nur noch hellgrün und dein Fell dünn und hat einzelne Löcher. Du stehst im Regal, damit du nicht ganz auseinanderfällst.“
„Ach papperlapapp. Sie könnte mir genauso auch was anziehen und dann könnte ich zu euch ins Bett kuscheln und auch Geschichten erzählen.“
Ich überlegte lange, bevor ich antwortete: „Vielleicht können wir zusammenarbeiten. Du erzählst mir deine Geschichten, und ich werde sie Sofie im Bett präsentieren.“
Leo brummte laut auf. „Aber was ist, wenn Sofie uns beide gleichzeitig hören möchte?“
„Ich weiß nicht, lass es uns doch einfach versuchen. Los, erzähle mir eines deiner Abenteuer.“
In den kommenden Nächten erzählte mir Leo eine Geschichte nach der anderen. Schnell war mir klar, dass er ein Geschichtenbär war und Abenteuer von hunderten Bären vor ihm in ihm schlummerten. Sie beinhalteten mutige Helden, fremde Länder und magische Wesen.
Jeden Abend lauschte Sofie gebannt den neuen Abenteuern, bis ihre Augen zufielen und sie in ihren Träumen einsank.
„Max“, brummte Leo eines Abends, „können wir nun nicht gemeinsam die Abenteuer erleben?“
Ich schaute ihn überrascht an. „Wie soll das gehen, sie ist ein Mensch?“
„Ganz einfach. Bring sie morgen Abend zu meinem Regal. Dann müssen wir uns an den Händen und Pfoten halten. Du wirst schon sehen, was dann passiert.“
Neugierig stimmte ich zu und lotste Sofie am folgenden Abend zum Regal. Sie fand das komisch, aber ich flüsterte ihr zu, das Leo eine Überraschung für uns hat.
Sie nahm mich in den Arm und fasste Leo bei seinen Pfoten. Im selben Augenblick flackerte das Bild einer Pirateninsel vor meinen Augen auf und ich konnte Sand unter den Pfoten spüren.
Sofie begann zu kichern. Von der Magie des Augenblicks überwältigt packte sie Leo noch fester und kuschelte sich mit uns beiden in ihr Bett.
Auch sie musste erkannt haben, dass er ein Hüter der Geschichten war und nicht nur ein alter abgeliebter Bär im Regal.
Von diesem Abend an durfte Leo auch mit ins Bett und wir drei erlebten die tollsten Abenteuer.

 

 

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von U.Helsch

Das kurze Leben der Sisisi

Ich genoss den leckeren Duft nach Kohl und kuschelte mich noch tiefer in eines der fasrigen Blätter ein. Übrigens, ich heiße Sisisi und bin immer noch eine Puppe.
Bis diese blöde zweibeinige Riesin kam, lebte ich in einem weichen Kokon, der sich um mich gebildet hatte, als ich genug von den lecker nach Schwefel riechenden grünen Blättern gefuttert hatte. Das unattraktive weiße Zeugs in der Mitte hatte ich immer liegengelassen.
Mama schimpfte immer mit mir, aber mal ehrlich, esst ihr immer das, was ihr auf den Teller gelegt bekommt? ... Na seht ihr. Was sollte mich veranlassen diese weißen, harten Blumen zu kauen, wenn das saftige Grün so schnell zu Brei wurde und auch noch lecker schmeckte.
Auf jeden Fall hatte ich mich schon gefreut, denn Mama meinte, ich dürfte bald hier raus und kriege noch heute meine Flügel. Der Gedanke daran war warm und himmlisch. Endlich würde ich rüber fliegen können, in die große Öffnung, in der all das faulige, zum Sterben verurteilte Gemüse seinen Platz fand.
Meine Geschwister und ich freuten uns auf die Party. Ich roch schon von hier das faulige, säuerliche, gewürzt mit einem Hauch von Schwefel, wie die urigsten faulen Eier. Was für eine köstliche Symphonie von Düften wurde da freigesetzt. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Kurzum, mich erwartete das Paradies. Ich konnte es kaum erwarten, mich auf das Festmahl zu stürzen.
Doch kommen wir zurück zu dieser Zweibeinigen, die nach frischen Zitrusfrüchten roch und ihrem putzwütigen Kater. Der leckte sich ständig ab, igitt.
Sie schnappte mein Zuhause und mich wirbelte es in ihrer Tasche hin und her. Ich wusste nicht mehr, wer ich bin und wo oben war. Dann war es vorbei. Alles war ruhig und ich atmete erst einmal tief durch.
Und da war es. Hmmmm, nicht ganz so abwechslungsreich wie vorher, aber ein kleiner Hauch von Schwefel drang in meine Nase. Doch bevor ich einen weiteren köstlichen Zug nehmen konnte, durchzogen mich schreckliche Schmerzen. Ich bebte innerlich und jeder Millimeter meines Körpers riss auf. Ich hätte ja geschrien, aber da kam kein Laut aus meinem Mund. Ich reckte und streckte mich in alle Richtungen und genauso schnell, wie es begonnen hatte, war es auch schon zu Ende.
Ich blickte mich um und mir wurde ganz schwindelig. Wow, mit einem Blick erfasste ich die ganze Umgebung. Praktisch, dass meine Augen rund und an den Seiten angebracht waren. Da erst bemerkte ich das Flirren auf meinem Rücken.
Ich bewegte die Flattermänner und hey, ich hob ab. Irre, ich konnte fliegen. Sofort erhob ich mich in die Lüfte und begutachtete meine Umgebung. Gerade sah ich eine große Öffnung, aus der dieser herrlich faulige Geruch kam, da sah ich nur noch eine haarige Tatze. Ich flog plötzlich in eine andere Richtung, klatschte auf einen Boden, rutschte weiter und da war wieder die Tatze. Alles war dunkel und eng. Ich dachte, nun ist es aus.
Doch plötzlich war ich wieder frei. Schnell flatterte ich mit meinen Flügeln, erhob mit vom Boden und sah in bernsteinfarbene riesige Augen. Eine rote Schlange schnellte aus einer Öffnung darunter auf mich zu und ...

 

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von U.Helsch

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