Ein Regentag im Frühling
U. Helsch
Oh nein, nicht der! Susi wich vor Schreck zurück. Vor ihr stand er, einen Meter überragend, mit einem Strauß in der Hand und einem breiten Grinsen im Gesicht: Michael.
Die peinliche Szene vom letzten Samstag auf dem Klassentreffen schoss ihr durch den Kopf. Bunte Fetzen, durch Alkohol verschwommen, doch so klar, dass sie seine Hände wieder auf ihrer nackten Haut spürte.
Ein schriller Ton entwich Susis Kehle, während sie mit einer Hand versuchte, ihre wild abstehende Mähne zu bändigen. Mit der anderen hielt sie krampfhaft ihren Kimono zu. Wo war nur der Gürtel?
Wer besucht eine alte Schulkameradin nach so einer peinlichen Situation? Und dann noch an einem Regentag, an dem die Welt unterzugehen schien.
Wusste nicht jeder, dass man sich dann in Wohlfühlklamotten, in ihrem Fall dem Nachthemd, auf dem Sofa zusammenrollt und Filme schaut?
Plötzlich erklang Michaels Stimme: „… am Samstag warst du so schnell weg, dass ich kein Treffen vereinbaren konnte, aber ich musste dich einfach wiedersehen. Darf ich hereinkommen?“
Verdammt, schon wieder hatte sie in Gedanken geschwelgt und die Hälfte seiner Worte verpasst. Ahhh, sie musste aufpassen. Schnell kniff sie sich ins Ohrläppchen, um klar zu werden. Sie zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht, das sicherlich an die Grinsekatze aus Alice im Wunderland erinnerte.
Ein Schauder durchlief Susi, doch bevor sie antworten konnte, drückte er die Tür auf. „Du frierst ja. Komm, weg aus dem zugigen Flur.“ Er schloss die Tür und zog sie am Ellenbogen ins Wohnzimmer.
Susi stolperte mit und starrte ihn ungläubig an. Endlich fand sie ihre Stimme: „Michael!“ Sie entzog ihm ihren Arm und stieß ihn von sich. Dabei öffnete sich ihr Kimono und seine weit geöffneten Augen sahen unverblümt, wie viel ihr knappes Nachthemd preisgab. Sie sah sich nach dem Gürtel um. Erblickte ihn. Schnell griff sie danach und zog ihn fest um sich.
„Du wirst jetzt sofort meine Wohnung verlassen, oder das Veilchen, das ich dir bei meinem ungeschickten Sturz am Samstag verpasst habe, wird Gesellschaft auf deinem zweiten Auge bekommen.“
Mit weit aufgerissenen Augen sah er sie an und ließ den Blumenstrauß sinken. „Aber ich wollte mich doch entschuldigen.“
Susi blinzelte ein paar Mal. „Wofür entschuldigen?“
Er kaute nervös auf seiner Unterlippe herum. „Beim Go-Go-Tanzen bist du nur vom Tisch gefallen, weil ich dagegen gestoßen bin. Dann ging alles so schnell, du hast dich gedreht, bist gegen mich gefallen und dein Ellbogen landete in meinem Auge. Als ich wieder klar sehen konnte, warst du schon weg.“ Er holte tief Luft und hielt ihr den Strauß aus lila und weißem Flieder unter die Nase.
Die süße Woge des Duftes umhüllte und bewegte Susi. Der schwere, erdige Duft nach Vanille überwältigte sie beinahe. Ein Frühlingsduft voller Versprechen auf Wärme ließ sie den Regen draußen vergessen.
Ein warmes Lächeln breitete sich auf Susis Gesicht aus, ein Lächeln der Vergebung. Die grauen Wolken in ihrem Herzen wichen zurück und plötzlich brach Sonne und Licht durch, trotz des strömenden Regens, der unaufhörlich gegen die Fenster schlug.
©U.Helsch 2025