Hexe mit Flügeln

U. Helsch

Der Wald war ein vertrauter Ort für Melanie, eine Zuflucht und Quelle der Erholung. Statt überfüllter Hallen oder Stadien genoss sie hier in der Natur perfekte Konzerte – das sanfte Murmeln des Baches, das Rascheln der Blätter und der fröhliche Gesang der Vögel. Tief sog sie die frische Waldluft ein, verließ den ausgetretenen Waldweg und drang tiefer ins Dickicht vor. Auf der Suche nach der bezaubernden Lichtung, auf der bunte Wildkräuter und Blumen blühten.


    Doch heute lag eine elektrisierende Spannung in der Luft. „Komm schon, Melanie, stell dich nicht so an. Du bist eine Hexe“, feuerte sie sich selbst an, als eine Gänsehaut ihre Arme eroberte. Sie strich eine Strähne aus ihrem verschwitzten Gesicht. Selbst hier im Wald lastete die drückende Sommerhitze auf ihr. Der Schweiß rann ihr den nackten Rücken hinab und benetzte ihr Neckholder-Top am unteren Saum.
 

    Plötzlich flirrte die Luft, sie blieb abrupt stehen. Ein Schauer durchzuckte ihren Körper, als wäre sie direkt nach dem Sonnenbad in einen Kübel mit Eiswürfeln gesprungen. „Was geschieht hier?“, schrie sie in die Stille. Ihre Beine fühlten sich wie Pudding an. Taumelnd lehnte sie sich an einen Baum. Das Kribbeln zog sich zwischen ihren Schulterblättern zusammen. Als sie über ihre Schulter blickte, stockte ihr der Atem – zwei zarte Flügel brachen aus ihrer Haut hervor und schimmerten wie ein Regenbogen in der Sonne. „Oh mein Gott, was ist das?“


    „Das ist wundervoll!“, rief ein Junge aus dem Dorf, sein Oberkörper entblößt. Er kam schnell näher. Als er sich umdrehte, erkannte Melanie, dass auch auf seinem Rücken feine Flügel in verschiedenen Blautönen flatterten, fast wie sanft schwingende Meereswellen.
    

    Melanie wirbelte zu ihm herum. „Was soll daran wundervoll sein? Du bist Alex, richtig?“
 

    Er nickte mit strahlenden Augen. „Ich habe noch nie eine Hexe mit Flügeln gesehen.“
 

    Melanie zuckte zurück, spürte die raue Rinde des Baumes gegen ihren Rücken. Ein Hauch von Moos stieg in ihre Nase, als sie hastig den Abstand zwischen sich und dem Jungen vergrößerte. „Ich bin keine Hexe – ich …“, ihre Worte erstarben, während ihr Blick von seinen, zu ihren eigenen Flügeln wanderten.


    „Keine Sorge, ich liebe es auch, durch den Wald zu spazieren, und habe dich oft beobachtet, wie du verletzten Tieren magisch geholfen hast. Jetzt hast du noch mehr Freiheit.“
 

    „Freiheit?“, hauchte sie, ihre Augen weiteten sich neugierig.
 

    „Ja, du hast jetzt Flügel und kannst ohne Besen fliegen.“ Alex näherte sich langsam, seine Schritte knirschten auf dem Waldboden. Er streckte seine Hand aus. „Komm mit mir, ich zeige es dir.“
 

    Melanie spürte ein Kribbeln in ihrem Bauch, als sie ihre Hand in seine legte. Sofort hoben sie ab, zunächst mehr von Alex gezogen, dann fand sie ihren eigenen Rhythmus. Leise schlugen ihre Flügel, und sie stieg stetig weiter empor. „Ich kann fliegen!“, jubelte sie, während unter ihnen der Wald immer kleiner wurde. Die Bäume wirkten wie grüne Tupfen auf einem riesigen Teppich. Die Sonne brannte auf ihren Rücken, doch ihre Flügel fächerten erfrischende Luft herbei. Nie zuvor hatte sie solche Freiheit empfunden.
 

    Noch immer hielten sie sich an den Händen. Melanie sah zu Alex, der sie bereits anschaute. Beide lachten laut auf. Doch plötzlich erklang ein tiefes Grollen und eine einzelne dunkle Wolke rückte bedrohlich schnell näher. „Was … was ist das?“ Die Freude wich einem unbehaglichen Gefühl.
 

    „Oh Mann, nicht schon wieder“, murmelte Alex. Er berichtete, dass jedes Mal, wenn er voller Freude durch die Lüfte schwebte, diese dunkle Wolke auftauchte und ihn verjagte. „Das ist irgendeine finstere Macht. Lass uns landen.“
 

    Er zog sie mit sich zurück in den Wald, aber das Unheil kam näher. „Was, wenn wir es nicht schaffen? Ich weiß nicht, ob ich während des Fliegens zaubern kann.“ Melanie klammerte sich an Alex und beschleunigte. Gedanken wirbelten in ihrem Kopf, sind Flügel ein Fluch oder Segen.
 

    Endlich setzten sie sicher auf dem weichen Waldboden auf. „Gemeinsam können wir alles schaffen. Lass uns die Dunkelheit besiegen!“ Alex‚ Stimme klang stark und couragiert, als er nach ihrer anderen Hand griff.
 

    Sein Glaube gab ihr Mut. Melanie sah zum Himmel, aber die Wolke war verschwunden. Sie tauchte ein in Alex‘ Augen, die Stärke und Entschlossenheit ausstrahlten. Mit Alex an ihrer Seite wollte sie die Dunkelheit bezwingen und die Freiheit auskosten. Abenteuer, wir kommen!

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