Das Glitzern bei der Strandbar
U. Helsch
Die Brandung schlug klatschend gegen die Felsen, während sanfte Wellen in der Lagune ein beruhigendes Rauschen erzeugten. Wie eine rote Kugel aus Zuckerwatte zerlief die Sonne am Horizont im Meer.
Aus den Lautsprechern einer Strandbar, am Ende der Landzunge, ertönte leise Jazzmusik. Sie war gut besucht, aber der Strand war nahezu leer. Am Rand einer Klippe stand Kiki, eine heimtückische Hexe, und beobachtete die letzten Verbliebenen.
In ihrer Nähe saßen zwei Pärchen lachend auf ihrer Decke, gebettet auf dem weichen Sand. Ihre Picknickkörbe waren gut gefüllt mit Rotwein, frischen Baguette und etlichen Leckereien. Der Wind trug den Käseduft bis zu Kiki.
Plötzlich stand einer der Männer, groß, dunkelhaarig, mit sportlicher Figur, auf. Aufgeregt zeigte er zu dem Felsen unterhalb der Strandbar, der vom zurücklaufenden Meer freigelegt wurde. „Schaut mal, dort funkelt was. Wollen wir nachsehen?“
Kiki schmunzelte und murmelte leise Worte, bevor sie unsichtbar wurde und zu der Gruppe aufschloss.
Neugierig erhoben sich auch die anderen und gemeinsam liefen sie über den Sand, dem Schimmer entgegen. Als sie ankamen, war das Wasser nur noch knöcheltief. Das Glitzern entpuppte sich als eine verborgene Höhle, die sie magisch anzog.
Die Öffnung war nicht groß und sie mussten auf allen vieren krabbeln. Nach wenigen Metern konnten sie wieder aufrecht stehen.
Aber keiner von ihnen hatte an eine Taschenlampe gedacht. Vorsichtig liefen sie an den Wänden entlang.
Kiki sprach flüsternd einen Zauber und die Höhle bebte. Die Freunde rückten näher und hielten sich aneinander fest.
„Raus hier“, schrie einer und sie begannen hektisch die Wände nach dem Ausgang abzutasten. Dann hielten sie inne und verdeckten die Augen mit ihren Händen.
Kiki hatte einen Leuchtzauber gesprochen und die Kristalle an den Felsen funkelten in allen Spektralfarben. Sie lachte laut auf und wurde sichtbar. „Willkommen in meiner Höhle.“
Nacheinander nahmen die Freunde ihre Hände herunter und starrten sie an.
Der dunkelhaarige Mann hatte seine Stimme als erster wiedergefunden. „Wer bist du?“
„Ich bin Kiki und war schon am Strand bei euch. Anscheinend seid ihr sehr unaufmerksam. Das erklärt, warum ihr mir nichts von eurem Wein angeboten habt.“ Sie schüttelte empört den Kopf. „Deswegen lasse ich euch nur die Wahl zwischen zwei Wegen.“
„Und die wären?“, fragte der Mann barsch.
Kiki lächelte. „Ihr könnt entweder in diese magische Welt eintreten und Geheimnisse erkunden, oder ihr kehrt zurück und vergesst alles, was ihr gesehen habt. Aber handelt klug. Ihr müsst die Konsequenzen tragen.“
Die Freunde starrten sich an. Die kleinere Frau, mit roten kurzen Locken, fiepste: „Lasst uns gehen. Die ist verrückt.“ Sie drehte sich zum Ausgang und zog die andere Frau mit sich. Doch diese verharrte.
Nach einem Moment des Schweigens, in dem sich alle nacheinander angeschaut hatten, trat der dunkelhaarige Mann vor. „Ich liebe Geheimnisse.“
Auch der andere Mann nickte. Die Frauen hingegen eilten zurück durch die Öffnung zum Strand.
Kiki freute sich über den Zeitvertreib. „Dann folgt mir“, säuselte sie und führte die Männer tiefer in die magische Welt, wo Abenteuer und Gefahren auf sie warteten.
Sie wurden nie wieder gesehen.
©U.Helsch 2024