Chaotische Putzaktion in der magischen WG
U. Helsch
Nach einem Seminar über Zeitreisen in Edinburgh kehrte Eva voller Vorfreude in ihre magische WG zurück. Doch beim Öffnen der Tür schlug ihr ein widerlicher Mix aus fauligem Obst, Gemüseresten, dreckigem Geschirr und Staub entgegen.
Sie rümpfte die Nase und musste mehrmals niesen. In der Küche türmte sich schmutziges Geschirr, das in verschiedenen Farben und Formen im überquellenden Spülbecken vor sich hin schimmelte. Der Boden war mit einem undefinierbaren, klebrigen Überzug bedeckt, der bei jedem Schritt quietschende Geräusche verursachte. Ein Schrei entrang ihrer Kehle, gefolgt von einem tiefen Seufzen, als ihr Blick über das Chaos schweifte und dann auf den Putzplan fiel, den ihre Mitbewohnerinnen nur als Wandschmuck ansahen.
Trotz des Schreis ließen sich Nicky und Manu nicht blicken. Das Chaos wuchs Eva über den Kopf. Sie griff zu ihrer letzten Geheimwaffe: Tante Marla. Diese hatte immer ein offenes Ohr für sie und Ratschläge für jede Lebenslage parat – ob magisch, praktisch oder in Liebesdingen. Leider waren diese Ratschläge manchmal auch völlig verrückt. Entschlossen wählte sie ihre Nummer. „Bitte hilf mir!“, flehte sie.
Marla blieb ganz cool. „Benutze einen kleinen Zauber, um die Mädels zum Putzen zu bringen!“ Ein schelmisches Lachen hallte durch den Hörer.
Eva zögerte. „Magie einsetzen? Aber es sind meine Freundinnen“, murmelte sie skeptisch.
Der Gedanke ließ sie nicht los. Doch als sie sich gerade dazu entschlossen hatte, das Chaos hinzunehmen, blieb sie mit ihren stylishen Pumps in einem fast eingetrockneten Marmeladenfleck kleben. Der Anblick, wie das pappige Rot in das beige Wildleder einsickerte, verursachte ihr Übelkeit. „Es reicht!“, rief sie frustriert und beschloss, den Zauber zu versuchen.
Sie griff nach dem Zettel, auf dem der Spruch ihrer Tante stand. Nach einem tiefen Atemzug murmelte sie die Worte: „Staub verfliege, Glanz erwache – Hände flink, der Dreck macht schlappe!“
Gerade dachte sie noch, wie so ein – Reim dich, oder ich fress dich – Spruch helfen könnte, flogen mehrere Zimmertüren auf. Nicky und Manu traten, als wären sie von unsichtbarer Hand gelenkt, mit Putzlappen in den Händen zu ihr und schauten sie fragend an.
In dem Moment, als Nicky den Mund öffnen wollte, begann der Besen in der Ecke zu zucken und sprang eigenständig von der Wand.
Mit einer Stimme, die wie ein Befehl durch den Raum hallte, erklärte er: „Ich bin der Chef hier!“ Sein klarer, hoher Pfiff klang wie ein Alarm. „Wenn nicht sofort sauber gemacht wird, verwende ich mein Reisig nicht nur zum Putzen!“
Nicky versuchte in ihr Zimmer zu flüchten, doch der Besen war schneller und fing sie mit seinem Reisig ein.
„Hilfe!“, schrie sie, als der Besen sie an ihren langen Haaren zurückzog.
„Das ist nicht die Zeit für einen Schönheitsschlaf, Nicky!“, rief Eva und schmunzelte, während sie das Rascheln der Wischmopps hörte, die sich wie lebendige Wesen auf sie zubewegten.
Der Besen begann, mit seinen Borsten zu wedeln, und spritzte Wasser in alle Richtungen – der frische Duft von Seife vermischte sich mit dem üblen Gestank der Küche. Plötzlich war die WG ein magisches Putz-Schlachtfeld.
Der Staubsauger summte eine Melodie, entwand sich Manus Händen und begann, sich im Takt zu drehen. Die rhythmischen Beats pulsierten durch den Raum, während das Gerät über den Boden sauste. Die Wischmopps klatschten begeistert mit ihren nassen Strähnen auf den Boden. Dann schlossen sich zwei der Mopps zusammen und begannen einen chaotischen Limbo-Wettbewerb, der das ganze Zimmer in ein Chaos aus Wasser und Schrubberbewegungen verwandelte. Das Geräusch von schabenden Borsten und plätscherndem Wasser erfüllte die Luft.
Die drei Frauen beobachteten das chaotische Geschehen aus sicherer Entfernung, während sie sich um das Geschirr kümmerten. Die WG erstrahlte schließlich in blitzender Sauberkeit. Der frisch geputzte Boden glänzte und der Duft von Zitronen lag in der Luft. Die Putzutensilien räumten sich selbst auf, nur der Besen beharrte darauf, seine Macht zu behalten.
Als Eva, hungrig geworden vom Putzen, sich ein Stück Brot abschneiden wollte, verweigerte er es ihr und erklärte die Wohnung zur Reinheitszone.
Eva überlegte angestrengt, was sie tun könnte. Plötzlich erinnerte sie sich an den Gegenzauber. „Habt ihr einen kleinen gelben Klebezettel gesehen?“, fragte sie Nicky und Manu, die reglos auf den Besen starrten. „Hey, ich brauche eure Hilfe. Lasst uns suchen.“ Eva schüttelte die beiden, bis sie erwachten und ihr halfen.
Doch plötzlich erstarrte Eva. „Mist, ich glaube, den haben wir weggeworfen. Zum Mülleimer!“, rief sie panisch und rannte los.
Der Besen war schneller und hielt sie mit seinen Borsten auf. „Der Müll wird entsorgt, nicht durchsucht“, beharrte er.
Ein ungleicher Kampf entbrannte, bei dem Eva verzweifelt versuchte, den Besen zu überwinden. Mehrfach bekam sie den Stil an den Kopf und ihre Arme wurden vom Reisig zerkratzt. Allein kam sie einfach nicht zum Mülleimer. „Helft mir!“, schrie sie.
Endlich griffen ihre Mitbewohnerinnen ein und rissen den Besen von ihr weg. Eva durchsuchte den Mülleimer und fand den Zettel neben einem schimmligen Apfel. Mit widerwilligem Mut griff sie hinein. „Iiiiiiiiiih“, entfuhr es ihr, als sie den Apfel berührte.
„Mach schnell, ich kann nicht mehr“, schrie Manu. Als Eva den Blick hob, sah sie ein Gemenge aus zwei Frauen, die sich krampfhaft an einen Besen klammerten. Währen ihre wilden Blicke nicht gewesen, hätte man es für einen Tanz halten können.
Eva riss sich zusammen, griff nach dem Zettel und las den Gegenzauber: „Die Zimmer sind sauber, das Putzen hat ein Ende. Frieden kehre in die Wohnung zurück.“
Mit einem lauten Knall fiel der Besen zu Boden. „Okay – ich geh schlafen!“, sagte er sehr langsam und war wieder ein normaler Besen.
Eva, Nicky und Manu ließen sich erschöpft aber lachend auf den Boden sinken und atmeten tief ein. Sie beschlossen, nun immer gemeinsam einen Putztag pro Woche einzulegen, allerdings – ohne Magie, denn Magie löst keine Alltagsprobleme!