Grüne Augen und Vorsätze

U. Helsch

Der Tag war lang. Wieder einmal hatte ihr Chef sie zu Überstunden gezwungen, dieser Sklaventreiber. Eine innere Unruhe breitete sich in ihr aus. Für dieses Jahr hatte sie sich fest vorgenommen, ihre Neujahrsvorsätze einzuhalten, und nun drohte ihr Chef mit seinem Getue, alles schon nach zwei Wochen zu ruinieren. Einer ihrer Vorsätze war von besonderer Bedeutung: dreimal pro Woche ins Fitnessstudio gehen. Die kleinen Pölsterchen an ihren Hüften mussten bis zum Sommerurlaub weg.
   Endlich, nachdem sie die letzte Nadel entfernt und die letzte Naht geschlossen hatte, war ihr Kleid für die kommende Kollektionsvorstellung fertig. Schnell schnappte sie sich ihre Tasche, löschte das Licht und flitzte aus dem Haus.
   Durch die bereits dunklen Gassen eilend, erreichte sie das Studio deutlich später als gewohnt. Noch nie war sie so spät dran gewesen. Suchend blickte sie sich um, doch keine vertrauten Gesichter waren zu sehen. Obwohl sie erst seit zwei Wochen hier trainierte, hatte sie zumindest ein bekanntes Gesicht erwartet. Schnell zog sie sich um.
   Als Lena sich gerade darauf vorbereitete, das erste Gerät zu benutzen, fiel ihr erneut die ungewöhnliche Stimmung auf. Alle um sie herum schienen smaragdgrüne Augen zu haben. Es war fast mystisch. Sie schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf ihr Training, obwohl es ihr an diesem Tag schwerfiel. In den Pausen zwischen den Übungen suchte sie weiterhin nach vertrauten Gesichtern.
   Eine sonore Stimme unterbrach ihre Gedanken. „Hey, brauchst du Hilfe bei der Maschine?“, fragte der Fremde.
   Überrascht drehte sie sich um. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie an einem ihr unbekannten Gerät verweilt hatte. „Äh, ja, ich bin mir nicht sicher, wie man das einstellt“, stammelte sie, gleichzeitig bemüht nicht auf seine grün strahlenden Augen zu starren.
Mit einem Lächeln half er ihr, die Maschine richtig einzustellen. Während er das tat, gab ihr Magen ein unerwartetes Geräusch von sich – ein lautes, knurrendes Protestlied, das in der stillen Umgebung wie ein wütender Bär klang.
   „Das war nicht mein Magen, das war ein… äh… Fitness-Geräusch“, versuchte Lena hastig zu erklären. Sie spürte die Hitze in ihre Wangen ziehen.
Der Mann lachte warm und ansteckend. „Klingt nach einer intensiven Trainingseinheit. Ich bin übrigens Mike.“
   Peinlich berührt senkte sie den Blick. „Ich bin Lena und glaube, ich muss erst mal duschen“, murmelte sie und flitzte in die Umkleidekabine, sich innerlich dafür tadelnd, dass sie vor dem Training nichts gegessen hatte.
   Sie duschte in Rekordgeschwindigkeit und machte sich anschließend auf den Heimweg. Ihre Gedanken drehten sich ständig um die grünen Augen und die merkwürdige Atmosphäre im Studio.
   Plötzlich tauchte Mike neben ihr auf, als wäre er aus dem Nichts erschienen. „Hey, du hast das Fitnessstudio überlebt!“
   Sie zuckte zusammen. „Ja, und ich habe sogar die grüne Augen-Mystik überstanden“, antwortete sie und blickte direkt in sein Gesicht.
   „Das – war erst der Anfang“, sagte er geheimnisvoll und zwinkerte. Etwas schneller fügte er hinzu: „Nächstes Mal bringe ich dir einen grünen Smoothie mit. Das könnte deinen Magen beruhigen!“
   Lena lachte und fühlte sich plötzlich viel besser. „Deal! Aber nur wenn du mir vorher das Geheimnis der Grünen-Augen-Stunde im Studio erklärst.“
   Während sie nebeneinander weitergingen, spürte sie, dass dies der Beginn eines besonderen Kapitels war – und vielleicht war nicht nur das Fitnessstudio mystisch!

 

 

 

©U.Helsch 2025

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