Der Rosenstrauch
U. Helsch
Maria schlug die Türe hinter sich zu und rannte die Treppen hinunter in ihren Garten. Sie brauchte Luft und Trost.
Diesmal würde Lukas nicht mit einer seichten Entschuldigung davonkommen. Sie hatte ein ganz besonderes Dinner gekocht. Aber er war nicht mal erreichbar. Das ging schon seit sechs Monaten so.
Sie näherte sich ihrer Lieblingsrose, Double Delight. Seltsam, heute konnte sie den zarten, lieblichen Duft nach Zitronenblüten schon von der Treppe aus riechen. Doch was war das?
Ein üppiger Wildrosenstrauch, mit blutroten Blüten, die in der Mitte zitronengelb schimmerten, ragte direkt davor auf. Als sie davor stand, ging er ihr bis zu den Knien. Wo kam er her?
Sie berührte eine der Blüten und strich sanft über ein Kronenblatt, das sich überraschend rau anfühlte, fast wie das nicht rasierte Kinn eines Mannes. Der herrliche Duft wurde stärker.
Sie kam an ein paar der Staubblätter und da passierte es. Der Strauch erzitterte bei ihrer Berührung. Doch nein, es war der Boden. Er tat sich auf und verschluckte sie.
Maria wollte schreien, doch hielt geistesgegenwärtig den Mund geschlossen. Raue Erde und Steine zerrten an ihr und ihrem kostbaren Cocktailkleid. Dann war es vorbei. Sie saß in einer Erdhöhle und blickte in smaragdgrüne Augen.
„Ich bin der Wächter des Rosenstrauchs“, sagte der silbergraue Kater, zu ihr. „Der wehe Ruf deines Herzens hat uns hergebracht und wir werden dir helfen, wenn du uns hilfst.“
Maria starrte ihn an. Um sie herum war Dunkelheit, nur die Katze war deutlich zu sehen. Nach einigen Atemzügen fand sie ihre Stimme wieder. „Wo bin ich? Was hast du mit mir gemacht?“
„Das tut nichts zur Sache. Ich bringe dich gleich zurück. Sag, hilfst du uns?“
„Du bist so mächtig, mich durch die Erde zu ziehen. Wie könnte ich dir helfen?“
„Nicht mir allein. Mein Strauch und ich benötigen einen neuen Garten, in dem wir die kommenden 100 Jahre verweilen können. Es gefällt uns hier, dürfen wir bleiben?“
„Aber ihr seid doch schon hier eingezogen, wa...“
Weiter kam sie nicht, denn der Kater stellte seine Vorderpfoten auf ihre Schenkel und unterbrach sie. „Ohne Einladung können wir nur kurze Zeit verweilen und müssen dann weiterziehen.“
„Aber, was wird aus meiner geliebten Double Delight? Ihr nehmt ihr ja die Lebenskraft.“
„Wir würden ihren Standort bevorzugen, brauchen jedoch nur genügend Sonne.“
„Angenommen, ich sage zu, wie könntet ihr mir helfen?“
„Wir können Klarheit bringen. Immer wenn du Hilfe benötigst, streichle über die Staubblätter einer Blüte. Im Zwiegespräch finden wir die Lösung.“
„Muss ich dafür jedes Mal unter die Erde?“ Sie blickte sich ängstlich um.
Er miaute. „Nein, in Zukunft werde ich mich mit dir, in deinem Kopf unterhalten können. Heißt das, wir können bleiben? Die Zeit drängt, in einer Minute ist der Zauber vorbei und ich bin für immer weg.“
„Okay, ihr könnt bleiben, doch sag mir, wie bringe ich Lukas dazu, Verabredungen einzuhalten?“
Der Kater miaute erneut, doch diesmal deutlich lauter. Seine Krallen bohrten sich schmerzhaft in ihre Schenkel, feuchte Katzenlippen berührten ihren Mund und Schnurrhaare kitzelten sie an der Wange. Sie konnte sich nicht wehren und dann kratzten erneut Erdklumpen und Steine an ihrer Haut.
Diesmal war es schneller vorbei. Plötzlich saß sie vor ihrer Double Delight im Rasen und schaute sich um. Keine fünf Meter neben ihr stand der Wildrosenstrauch und daneben kauerte ... ihr Lukas.
Verdutzt schaute sie zu ihm. Sein silbergrauer Anzug war von Erdklumpen bedeckt, doch er strahlte sie an.
„Danke“, jubelte er ihr entgegen und krabbelte auf allen vieren auf sie zu.
„Lukas? Was ist hier passiert?“ In ihrem Kopf schwirrten tausende Fragen umher. Da trafen sich ihre Blicke. Smaragdgrüne Augen strahlten sie an.
Er küsste sie leidenschaftlich und half ihr dann, aufzustehen. „Du hast mich erlöst.“
„Was ist hier los? – Bist du der Wächter?“ Sie schlug sich kopfschüttelnd eine Hand vor den Mund.
Er strich ihr ein paar Erdklumpen aus den Haaren. „Vor einem halben Jahren wies ich eine Frau zurück. Ich wollte nur mit dir zusammen sein. Doch sie war eine Hexe und verflucht mich, zwölf Stunden am Tag, der Wächter dieses Rosenstrauchs zu sein.“
„Deswegen, bist du immer verschwunden und warst nicht erreichbar?“
Er nickte und küsste sie erneut. „Vor zwei Monaten wurde der Garten, in dem der Strauch Jahrhunderte lang gestanden hatte, geräumt, um einem Hochhaus Platz zu machen. Seither ziehen wir durch die Gärten der Stadt, doch können immer nur einen Tag bleiben. Da kam mir die Idee, in deinen Garten zu ziehen. Ich hoffte, dass du dich von deiner Double Delight trösten lassen würdest, wenn ich nicht komme und wir dann hierbleiben dürfen. So hätte ich trotzdem bei dir sein können.“
„Wirst du wieder verschwinden?“ Sie hielt ihn mit beiden Armen umschlungen.
„Nein, unser Kuss hat mich von der Katze gelöst, aber ich werde weiterhin der Wächter des Strauchs bleiben, solange ich lebe.“
„Nicht du“, sie strahlte ihn an und strich über sein Kinn, das eine Rasur vertragen könnte. „Wir werden fortan gemeinsam wachen.“
©U.Helsch 2024