
Das Tor zu Kapitel 1 von
Bibliothek zum Nordpol
Ein Schritt genügt … und die Geschichte entfaltet ihre Magie. Folge mir ...
Die Magie erwacht
Flackerndes Licht zwischen Büchern
In diesem Dezember schien selbst die Kälte Geschichten zu erzählen. Mit frostigen Fingern malte sie filigrane Muster auf jede Fensterscheibe, als wollte sie der Welt ein neues Märchen schenken. In der alten Bibliothek lag der Duft von Staub und Kerzenwachs in der Luft. Die Geschichten in den bis unter die Decke gefüllten Regalen wirkten im warmen Schein der Weihnachtskerzen alt und edel. Viola Silberfeld liebte das – nicht den Winter an sich, sondern die Ruhe, die er mit sich brachte. Außerdem war es eine willkommene Ausrede, sich mit einer Tasse Tee und einem Buch vor den Kamin zu verkriechen. Doch so weit war es noch nicht. Heute, am Tag vor Heiligabend, hatte sie ihre Bibliothek geöffnet – allerdings ließen die Kunden auf sich warten.
Wahrscheinlich waren alle mit ihren Gedanken bei den Vorbereitungen fürs Weihnachtsfest oder eilten aus, um die letzten Geschenke zu besorgen. Umso besser, fand sie, dann konnte sie sich gleich ein Buch nehmen und in eine Geschichte eintauchen. Mehr brauchte sie nicht, um glücklich zu sein.
Sie lebte zurückgezogen. Ihre einzige Freundin Lena pflegte zu sagen, sie solle öfter hinausgehen und das Leben genießen, solange sie noch jung und keine dreißig sei. „Die Welt ist zu aufregend, um sie nur zwischen Buchdeckeln zu suchen“, hatte Lena oft lachend gesagt. Doch sie hatte leicht Reden. Lena war ihr Gegenstück: Stets unterwegs, von Stadt zu Stadt, immer unter Menschen, und jedes Mal schien ein anderer Herr ihr Herz zu begleiten. Ach, Lena.
Viola durchstreifte die hohen Regale und sortierte dabei einige alte Sagen an ihren Platz. Ein kunstvoll gebundener Band ließ sie innehalten. Sie schlug ihn auf, las die ersten Zeilen und stellte sich vor, wie ihr Lieblingskunde Niklas lächelnd darin versank. In den letzten Monaten hatte der attraktive Mann die Bibliothek nicht gerade selten besucht. Er arbeitete sich Buch für Buch durch die alte Märchensammlung. Jedes Mal nahm er ein anderes zur Hand, ging zu der gemütlichen Sitzecke vor dem Kamin, las eine Stunde und stellte es anschließend wieder zurück. Er wirkte distanziert und manchmal finster, doch Viola konnte nicht aufhören, an ihn zu denken. Leider bemerkte sie nie, wann er kam oder ging. Er hatte etwas Geheimnisvolles, beinahe Altmodisches, an sich. Sein Äußeres war wie aus einem Buch entsprungen, mit seinem gepflegten Vollbart und den blauen Augen, die so klar und tief waren wie ein verborgener See im Elfenland: still und magisch. Aus diesem Grund nannte sie ihn insgeheim Märchenauge. Allerdings war es schon eine Weile her, dass er das letzte Mal in der Bibliothek gewesen war, und bei jenem Besuch schien er gehetzt. Viola hoffte, ihn noch vor den Weihnachtsfeiertagen zu sehen. Ein solch faszinierender Mann – doch sie brachte es nicht übers Herz, ihre Gefühle offenzulegen.
Die Gaslampen in ihren Messingfassungen warfen ein warmes, sanft flackerndes Licht, das Gemütlichkeit verströmte. Kerzen brannten nur auf den Lesepulten und auf dem Adventskranz, der vorne neben dem Tresen in einem Wasserbecken aus Marmor schwamm. Alles andere wäre hier bei so vielen kostbaren Schätzen zu riskant.
Plötzlich bemerkte Viola etwas aus dem Augenwinkel.
Was war das?
Sie rieb sich die Augen. War ein Kunde unbemerkt hereingekommen?
Gespannt spitzte sie die Ohren – doch die Stille blieb ungebrochen. Konzentriert fixierte sie die Stelle, wo das Flackern gewesen war.
Da huschte ein Schatten zwischen zwei Regale – und kurz darauf begannen sie zu beben.
Viola eilte hin, fand jedoch nichts Ungewöhnliches. Die Regale standen unbewegt, als wären sie Teil einer schlafenden Welt. Sie schüttelte den Kopf, spürte Müdigkeit. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, sich ein paar Tage Ruhe zu gönnen. In den letzten Wochen hatten ihre Sinne begonnen, ihr seltsame Streiche zu spielen – besonders dann, wenn die Stille sie ganz umfing.
Adventskerzen entzündeten sich von selbst. Eine Eisblume bildete sich auf dem Wasserglas, Schneeflocken schmolzen nicht auf ihrer Haut. Oder Buchseiten wurden wie von Geisterhand umgeblättert. Genauso wie jetzt, wie von selbst.
Es war, als wäre sie in eine der fantastischen Erzählungen gezogen worden, die Niklas so gerne las. Doch das war unmöglich, denn Magie existierte nicht.
Sie atmete tief durch und beschloss, heute früher Feierabend zu machen, obwohl es erst Mittag war. Doch sie wollte noch etwas warten – vielleicht kam ja Niklas vorbei.
Das Portal schließt sich hier – doch die Reise beginnt erst.
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