Verborgene Geheimnisse
U. Helsch
Oh nein ..., nicht jetzt, dachte Chris und beschleunigte seinen Schritt. Das Kribbeln, von hundert Ameisen, die in seinem Kopf Samba tanzten, nahm zu. Schon floss es über den Hals in seine Schultern. Wenn es die Beine erreichte, war es zu spät.
Er stolperte, fing sich an der Bürotür des Chefs ab. Hastete weiter und riss seine Tür auf. In dieser drei auf vier Meter Oase fühlte er sich sicher.
Seine Beine kippten weg. Er landete zwischen der mannshohen Monstera und der Birkenfeige, die vor seinem Schreibtisch standen. Schmerzhafte Hitze schoss wie ein Blitz durch seinen Körper.
Er spaltete sich. Der Leib lag regungslos auf dem grau melierten Teppich. Sein Bewusstsein schwebte unsichtbar darüber.
Die Fähigkeit war praktisch, wenn er sie nur kontrollieren könnte. Nur so hatte er, eine Woche vor seinen Kollegen, von der neuen Whiskey Werbeaktion erfahren. Als die interne Ausschreibung startete, konnte er sein fertiges Konzept präsentieren und den Auftrag erbeuten.
Aber heute musste er sichtbar sein. In zehn Minuten begann die Präsentation vor dem Kunden.
Hätte ich doch das Hexenstudium abgeschlossen, dann wäre die Körper-Geist-Vereinigung, ein Klacks. ... Nein, ich will ein normaler Mensch sein, seine Gedanken rasten im Kreis. Hätte, wäre, sollte, nutzten ihm nichts. Eine Lösung musste her.
Aber seine Magie wuchs schnell. Bald würde er sich nicht mehr verstecken können. Dann gäbe es nichts, was ihn vor dem Scheiterhaufen retten könnte.
Es klopfte an der Tür. „Chris, mach dich fertig, die Kunden sind eben angekommen.“ Sein Chef klopfte energischer, die Stimme wurde lauter. „Hey, schläfst du? Komm endlich.“ Die Türklinke wurde nach unten gedrückt. Zum Glück konnte sie durch seinen davorliegenden Körper nicht geöffnet werden. Ein leises Fluchen, dann entfernten sich die Schritte.
Chris wurde es heißer. Sie durften ihn nicht erwischen. Wer hätte gedacht, dass ein simpler Unfall, in der heutigen Zeit neue Hexenverfolgungen auslösen würden. Aber damit musste die magische Gesellschaft nun Leben und umgehen lernen.
Er schüttelte den Kopf. Diese Gedanken halfen ihm jetzt nicht weiter. Er musste zur Ruhe kommen. Rhythmisch zählte er seine Atemzüge, dachte ans Meer, an Wellen.
Ein – Aus – Ein – Aus.
Ein wildes Wummern gegen die Tür riss Chris aus dem Rhythmus. „Hey, wenn du nicht sofort kommst, wird der Chef dir fristlos kündigen.“ Die Stimme seiner Kollegin Tine war schrill und laut. Wieder senkte sich die Klinke, diesmal gab sie nach und ein kleiner Spalt öffnete sich.
„Hey, was ist hier los? Stehst du dahinter? Hör mit dem Scheiß auf.“
Chris fieberte. Warum kann es seinem Geist heiß werden? Ach egal.
Er nahm seine ganze Konzentration zusammen, atmete tief ein und stellte sich vor, wie er seine Hände bewegte.
„Ich komm jetzt rein, in 3 – 2 – 1“, warnte Tine, deren Stimme sich entfernt hatte.
Holt sie etwa Anlauf?
Tine krachte gegen die Tür.
Ein Schauer aus Crushed Ice kullerte durch seine Blutgefäße. Eisige Blitze sprengten das Innere seines Kopfs, den er mit beiden Händen umklammerte.
Ich bin zurück. Waren die letzten Gedanken, bevor Tine stolpernd auf ihm landete.
©U.Helsch 2024