Mitternachtskuss
U. Helsch
Clare lebte mit ihrem Vater in einem kleinen Dorf, mitten im Schwarzwald. Am Abend vor ihrem 18. Geburtstag erzählte er ihr eine Geschichte.
Sie berichtete von einem Sukkubus, der zwölf Wochen lang, jede Nacht ihn heimgesucht hatte. Sie war wunderschön, elfengleich mit grasgrünen Augen und langen brünetten Locken, die ihr bis über die Taille hingen. Ihre Haut roch nach Sommer mit einer Brise salziger Meeresluft und fühlte sich an wie kühler Satin.
Er hatte sich nicht wehren können aber auch nicht wollen. Nacht für Nacht genoss er ihre Anwesenheit. Dann kam sie nicht wieder, bis zu jener Nacht im September 2006.
Clare schnappte nach Luft. „An welchem Tag?“, fragte sie flüsternd.
Er nickte. „Du hast es verstanden? – Du hast es verstanden.“ Er rückte näher und legte ihr einen Arm um die Schulter.
Sie schüttelte den Kopf und rückte weg von ihm. „Nein, das glaube ich nicht“, schrie sie ihn an, stand auf und lief im Raum umher. Kickte gegen Stuhlbeine und schlug mit den flachen Händen gegen die Wand.
Er kam zu ihr und hielt ihre Hände fest. „Tu dir nicht weh. Die Wahrheit lässt sich so nicht vertreiben. Wir müssen darüber reden, wie es weitergeht.“
„Wie es weitergeht? Was soll das heißen? Sie hat mich geboren, sie ist weg und ich bin hier. Was willst du?“ Ihre Stimme war schrill, aber melodisch. Sie erkannte sie selbst nicht mehr.
„Bitte bleibe ruhig und schreie nicht. Du bist fast volljährig und musst aufpassen.“
Sie schlug beide Hände vor die Augen, aber senkte sie, als seine Worte zu ihr drangen. Nach ein paar tiefen Atemzügen schaute sie ihn direkt an. „Erzähle mir alles.“ Beide setzten sich wieder an den Tisch und sie erfuhr die schreckliche Wahrheit.
Auch ihr Vater war kein normaler Mensch. Er wahr als Hexer geboren, wollte aber sein magisches Erbe nie antreten. Direkt nach der Geburt, hatte er sie ihrer Mutter entrissen und über diese einen Fluch gelegt. Den Einzigen, den er je ausgesprochen hatte. Seit diesem Moment war ihre Mutter in einer Erdspalte gefangen und würde nie wieder das Licht der Welt erblicken und Männer verführen können.
Clare hörte mit weitaufgerissenen Augen zu. Sie schüttelte sich und ihr Mund war wie zugefroren. Deswegen hatten sie nie ein Grab besucht.
„Und warum erzählst du mir dies heute?“, fragte sie schließlich, als sie wieder sprechen konnte.
Er nahm einen tiefen Atemzug. „Weil in dir ab Mitternacht die Kräfte deiner Mutter und von mir fliesen werden. Du bist eine Hexe und Sukkubus! Und somit eines der gefährlichsten Wesen dieser Welt.“
Ihr ganzer Leib juckte und sie begann sich blutig zu kratzen. „Ich will das nicht. Bitte mach was dagegen“, flehte sie ihren Vater an, der versuchte ihre Finger festzuhalten.
„Auf diese Reaktion hatte ich gehofft. Ich kann allerdings nur eine Kraft einschränken und hoffe, du entscheidest dich für das Stilllegen des Sukkubus.“
„Natürlich, was muss ich tun?“
Erleichtert schaute er sie an, stand auf und holte ein Becherglas aus dem Kühlschrank. „Trinke das und küsse beim zwölften Schlag der Uhr um Mitternacht das Kruzifix. So kann der Sukkubus für immer deinen Körper verlassen.“ Er legte das Kreuz des hiesigen Pfarrers auf den Tisch und sie starrte gespannt auf die große Kaminuhr. In zwei Minuten war sie frei.
©U.Helsch 2024