Hexen fürchten kein Blut

U. Helsch

Die Sonne verschwand langsam hinter den Bäumen, Diana sank keuchend zu Boden. Schweißperlen rannen von ihrer Stirn, und der Duft von Erde, Gras und Tannengrün begleiteten sie wie ein alter Freund. Nach einer kurzen Pause stand sie auf, bereit, den Waldparcours fortzusetzen. Heute war der Tag ihres Aufnahmerituals in den Kreis der Clanhexen. Sie kämpfte im Wald gegen die Zeit, wilde Kreaturen und Jägerfallen, um zu zeigen, dass sie die Kraft und den Mut hatte, die Anführerin zu werden.
   Diana atmete tief ein und stieß sich vom Waldboden ab. Ein stechender Schmerz durchfuhr sie, und reflexartig zog sie ihre Hand schützend an die Brust. Ein Stein ragte aus ihrer Handinnenfläche, der sich rot von ihrem Blut färbte.
   Der Geruch von Eisen stieg ihr in die Nase. Verdammt! Schlagartig wurde sie von Kindheitserinnerungen überrollt. Abenteuer im Wald mit Susi und Jochen. Aufgeschürfte Hände vom Klettern an Ästen und blutige Knie vom Hinfallen bei Wettrennen. Zuweilen waren ihre Kleider komplett von Blutflecken bedeckt. Doch geweint hatte sie nie.
   „Hexen fürchten kein Blut!“ – Susis Lieblingsspruch, der Diana jedes Mal zum Lachen brachte und von ihren Verletzungen ablenkte. In diesen Momenten wurden die Blessuren zum Spiel und zum Symbol ihrer Freiheit.
   Ein Lächeln huschte über Dianas Gesicht bei diesen Gedanken, während sie förmlich das Gekicher und die unbeschwerte Gelassenheit ihrer Kindheit hörte. Jede Wunde war ein Zeichen von Mut und Abenteuer.
   Plötzlich holte sie die Realität ein. War da ein Geräusch? Sie wandte den Blick von der Verletzung ab, atmete tief durch, doch da war nichts. Sie betrachtete ihre pochende Hand. Jetzt, auf dem Weg zur Anführerin des Clans, spürte sie die Kraft ihrer Kindheit. Die Erinnerung an vergossenes Blut und alten Schmerz verliehen ihr neue Stärke.
   Ein Knacken. Ein Luftzug an ihrer linken Schulter. Dann ein ohrenbetäubendes Fauchen.
   Diana sprang zur Seite. Riss den spitzen Stein aus ihrer Hand. Griff mit der verletzten Hand nach dem Messer an ihrem Gürtel. Ihre Augen schauten weit aufgerissen in die ihres Gegners. Als der Leokan angriff, warf sie den Stein in sein aufgerissenes Maul und stach gezielt zu. Sie spürte kaum, dass die scharfen Krallen des leopardenähnlichen Tieres ihren Arm aufritzten.
   Der Leokan landete zwei Meter entfernt, taumelte, fiel um und blieb reglos liegen. Blut tränkte den Waldboden. Sie hatte ihm die Kehle aufgeschlitzt.
   Ein schmerzhaftes Pochen erfüllte ihre Brust. Sie atmete schnell. – Geschafft!
   Diana blickte an sich herab. Auf ihrer Tunika waren keine Blutflecken zu sehen. Es war durchtränkt von feuchtem Rot.
   „Hexen fürchten kein Blut!“, brüllte sie in den Wald, von einer warmen Welle des Stolzes erfüllt. Bereit, sich der Welt zu stellen und eine Anführerin mit Herz und Kampfgeist zu werden. Sie begriff, dass all die vergangenen Verletzungen Etappen auf ihrem Weg zur Stärke dargestellt hatten.
   Mit ihrem Messer ritzte sie ein Stück ihres Hosenbeins ab, band es um ihren blutenden Arm und ließ alle Ängste hinter sich. Mit einem letzten Blick auf das niedergestreckte Tier, machte sie sich auf den Weg in die Gemeinschaft, bereit für den nächsten Schritt.

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