Mondfinsternis im Hain

U. Helsch

In den Tiefen des Schwarzwalds, wo der Duft von Moos und Tannen gemeinsam mit Magie in der Luft verweilte, versammelten sich die Hexen des Hains. Silbernes Licht schien durch die Baumwipfel auf die kleine Lichtung, während die erste Mondfinsternis des Jahres begann.
   Glitzernde Flammen züngelten in der Mitte des Hains. Zwölf Hexen schritten in fließenden Bewegungen drumherum. Fast tanzend drehten sie sich leise murmelnd inmitten der sie umrahmenden alten Steine, die wie dreizehn große Throne sie beschützten.
   Elvira, die Anführerin, streckte ihre Hände gen Himmel. Ein sanfter Wind trug den Gesang der Hexen, der die Luft vor Magie pulsieren ließ, in die dunkler werdende Nacht. Doch als der Erdschatten langsam über den Mond glitt, der nun rötlich glänzte, hörte sie ein Rascheln.
   Ein gut aussehender junger Mann trat aus dem Dickicht. Sein Haar glänzte im Mondlicht, und seine Augen huschten wild suchend von einer zur anderen. Die Hexen erstarrten.
   „Was … was ist das?“, murmelte Selina, eine Hexe mit langen, silbernen Locken.
   „Ein Mensch? Hier? Im Hain? Das kann nicht sein!“, stotterte Melinda. Ein Raunen breitete sich unter den versammelten Frauen aus.
   Elvira blickte fest auf den Fremden. „Wie bist du hierhergekommen?“, fragte sie, ihr Blick stark wie die magische Energie, die sie umgab.
   Doch der Mann blickte verwirrt umher. In seinen Augen lag eine Wärme, die Elviras Herz unwillkürlich berührte.
   „Ihr müsst mir helfen“, rief er mit klarer Stimme. „Mir und der Hexe mit dem Herzen aus Licht.“
   Ein Murmeln brach unter den Hexen aus, doch Elvira betrachtete weiterhin den Mann. Wie war dieses Wesen durch den schützenden Zauber gekommen? Suchte er etwa ...? Sie sah die Sorge in seinen Augen. Ihre Augenbrauen schossen hoch. Oh nein, meinte er–. „Was willst du wirklich?“ Die Stille, die auf ihre leise, aber eindringliche Stimme folgte, war atemraubend.
   „Ihr müsst sie finden“, sagte der Mann leise und sah Elvira direkt an. „Sie ist mein Leben. Etwas Unkontrollierbares hat mich zu euch geführt. Ich weiß, dass wir sie nur heute Nacht retten können.“
   Ein Herzschlag verging in Stille. Die ersten Sterne funkelten über dem Hain, als Elvira sich sicher war, dass er von der Lichtmagie ihrer verschwundenen Schwester Fiona sprach. Der Mond färbte sich blutrot, die Dunkelheit wurde fast greifbar.
   „Woher kennst du Fiona?“, fragte Elvira. Bei dem Namen sogen alle geräuschvoll den Atem ein. Unbeirrt dessen trat sie auf den Mann zu und griff nach seinen Händen. Ein feuriger Blitz durchzuckte sie.
   Als die anderen Hexen sich näherten und den Mann ebenfalls berührten, brach ein starker Wind los, der sie auseinandertrieb. Das Feuer erlosch für einen Moment. Der Geruch von verbrannten Haaren und Tannengrün lag in der Luft. Dann schossen die Flammen in die Höhe und erhellten die Nacht.
   Als Elvira die Augen öffnete, löste sich die Mondfinsternis langsam auf und anstelle des Mannes saß Fiona in ihrem Kreis.
   Nach einem herzlichen Hallo erzählte Fiona von dem Hexenmeister, der sie gefangen genommen hatte, und seinem Sohn, der sein Leben aus Liebe zu ihr opfern wollte. Er hatte sie in seinen Körper aufgenommen und war in dieser Nacht zu ihren Schwestern gekommen, um sein Leben für ihres zu tauschen.
   Ein Raunen ging durch die Reihen. Sie beschlossen, dass der Mann bei jeder Mondfinsternis in ihren Gebeten sein sollte. Doch schon am nächsten Tag wollten sie die Kraft des Mondes, die sie in dieser Nacht erhalten hatten, nutzen, um den dunklen Magier zu vernichten.
 

 

 

©U.Helsch 2025

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