Kann Zeit verblühen? – Ein Märchen für Erwachsene
U. Helsch
Es war einmal …
In einem abgelegenen Tal lebte die Hexe Nina. Ihre Magie beschränkte sich auf eine einzige Kraft: sterbende Pflanzen in einem Schwebezustand zwischen Blühen und Verblühen zu bewahren.
Doch diese Gabe hatte ihren Preis: Je länger sie das Verblühen hinauszögerte, desto größer wurde die Zeit-Schuld, die sie auf sich lud.
Eines Tages brachte ihr ein Wanderer eine fast verblühte Orchidee. Die Letzte ihrer Gattung, eine magische Pflanze. „Wenn sie stirbt, bevor ich das Tor in den verwunschenen Wald finde, wird auch dieser verschwinden, und mit ihm alle Tiere und Pflanzen, die sich darin befinden.“
Nina nahm die lila schimmernde Pflanze entgegen. Ein Duft nach Vanillezucker umhüllte sie, als sie die Orchidee hin und her wiegte. Ein beinahe durchsichtig gewordenes Blütenblatt fiel dabei zu Boden.
„Was erwartest du von mir?“, fragte sie, während sie die Pflanze betrachtete.
„Halte es auf. Nur für wenige Tage. Die Blume wird heller leuchten als die Sonne, wenn ich das Tor zum verwunschenen Wald aufgestoßen habe.“
Ein trauriges Lächeln umspielte Ninas Lippen. „Ich kann nichts aufhalten, nur verschieben. Es wird geschehen, egal was du tun wirst.“
Eine Träne bahnte sich ihren Weg über seine Wange. „Dann verschiebe das Ende.“ Mit diesen Worten verließ er sie eilig.
Nina trug die Pflanze ins Haus und platzierte sie in einer Schale mit Wasser und stärkenden Kräutern. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich auf ihre Kraft. Die Wärme aus der Mitte ihres Körpers strömte in die Pflanze. Als sie die Augen öffnete und aus dem Fenster blickte, lag frisch gefallener Schnee über der Landschaft, obwohl es noch Spätsommer war. Die Natur hatte sich zur Ruhe gebettet.
Nach wenigen Stunden spürte Nina, dass sich etwas verändert hatte. Die Zeit forderte ihren Tribut. Am nächsten Tag entglitten ihr die Erinnerungen an all die Lieder, die sie mit ihren Eltern gesungen hatte.
Einen weiteren Tag später entglitt ihr der Name ihres ersten Flugbesens.
Am dritten Tag war jeder Duft neu und namenlos.
Der Fremde kehrte nicht zurück und die Pflanze verharrte im Dunkeln, ohne zu leuchten.
Am sechsten Tag saß sie in einem schwach beleuchteten Raum, während draußen der Schnee langsam versiegte. Neugierig trat sie nach draußen.
Alles war still, als plötzlich Schwindel sie übermannte. Sie klammerte sich am Türrahmen fest, sank zu Boden, drehte sich um und sah, wie das letzte Blütenblatt transparent wurde. Eine Erinnerung formte sich in ihrem Geist.
Ein Mädchen stand barfuß in ihrem Garten und setzte mit zitternden Fingern einen Samen in schimmernde Erde. Nach dem Gießen schoss eine lila Orchidee empor. Dies war das letzte Andenken an ihre verstorbenen Eltern.
Eines Tages kam eine andere Hexe und verbannte die Blume an einen geheimen Ort, wo sie als Wächterin dienen sollte.
Nina schlug die Augen auf. Sie war das Mädchen von damals und hatte die Erinnerung als Zeitschuld beglichen. Nun waren die Pflanze und die Erinnerung zu ihr zurückgekehrt.
In diesem Moment erhellte gleißendes Licht den Raum. Nina musste ihre Augen schützen, doch wusste nicht mehr, warum.
Die Hexe und die Pflanze – zwei Opfer eines stummen Pakts.
Sie verwelkten gemeinsam, damit man sich ihrer erinnern kann.