Der Morgen danach
U. Helsch
Meine Zehen spielen mit dem noch kühlen feinen Sand. Ich schaue hinaus aufs Meer. Die Sonne hatte die Linie zwischen Wasser und Himmel verlassen und ein sanftes weißgelb angenommen. Die ersten Touristen tranken einen Kaffee an der Strandbar am Ende der Lagune.
Ich erhebe mich von meinem Felsen und gehe gedankenverloren auf die leicht schäumende Brandung zu. Was war nur geschehen? Du wolltest in den Club, tanzen gehen. Ich wollte hier herkommen. Warum hattest du nicht gespürt, wie wichtig mir das war?
Ich fahre mir mit meinen Händen übers Gesicht und bleibe stehen. Meine Füße werden kühl vom Wasser umspielt. Ich spüre, wie die Nässe in meine Hosenbeine zieht und sich langsam zum Knie ausbreitet.
Unser Streit war ausgeartet. Warum hattest du die Vase nach mir geworfen? Ich weiß es nicht mehr. Ein Hotelpage bat uns, leiser zu sein. Ich bin geflohen. Hier her. An die Stelle, die unsere Zukunft in neue Wege hätte leiten sollen.
Ich laufe los. Hinein ins Meer. Die Nässe umschließt schon meine Körpermitte. Ich strecke meine Armen und tauche in die nächste Welle ein. Das kühle Wasser schwappt über meinen Kopf.
Unter Wasser ist es still, ohne erdrückend zu sein. Das tut gut. Ich tauche auf und schnappe nach Luft. Durch das Tosen der Wellen dringt Geschrei zu mir. Ich drehe mich um. Du läufst im seichten Wasser hin und her und fuchtelst mit deinen Armen.
Ich schwimme näher und verstehe nun deine Worte: „Komm zurück.“
Schnell schwimme ich zu dir. Deine Augen sind rot verquollen, die Schminke verschmiert. Du trägst noch dasselbe Kleid wie gestern Abend. Bin ich wohl nicht die Einzige, die kein Auge zubekommen hat?
„Ich suche schon seit Stunden nach dir. Und du gehst einfach Schwimmen? In Klamotten?“
Sie ist einfach nur süß, wenn sie auf mich wütend ist. Warum ist mir das gestern Abend nicht aufgefallen? Ich liebe es, wenn sie mit ihren Augen Funken sprüht.
Schnell ziehe ich sie in meine Arme. Ihr Körper strahlt angenehme Wärme aus. Mit einer Hand streiche ich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich habe dich auch vermisst.“ Langsam senke ich mein Gesicht und küsse zärtlich ihre Lippen.
Sie stupst mich leicht von sich. „So einfach kommst du mir nicht davon.“ Sie versucht sich an einem eisigen Blick aber das Grübchen auf ihrer linken Wange verrät sie.
„Lass uns rüber zur Strandbar gehen, einen Kaffee trinken und reden“, schlage ich vor und lege ihr einen Arm um die Schulter.
„Okay, aber nur, wenn du mir erzählst, was dich hat ausrasten lassen.“
Ich stocke, jetzt oder nie ... oder doch nicht? Meine Hand gleitet in die Hosentasche. Da war es noch. Ich schließe meine Finger um das Kästchen und ziehe die Hand heraus. Langsam sinke ich vor ihr auf die Knie und öffne die Schatulle.
Mein Blick trifft große, kugelrunde Augen, die plötzlich lustige Lachfältchen umspielen. Die Müdigkeit scheint wie weggezaubert. Ich öffne meinen Mund, doch komme nicht dazu, die Worte auszusprechen. Ihre Lippen umschließen meine, sie wirft mich um und wir rollen im Sand. Was für ein feuchter und kribbliger Neustart!
©U.Helsch 2024